Sonntag, 17. Dezember 2017

Über menschliche Größe

Zu allen Zeiten und in allen Völkern hat es große Menschen gegeben: Menschen, die durch Wort und Tat hervortraten und durch ihre besondere Ausstrahlung vielen zum Vorbild wurden. Was ist ihr Geheimnis? Was macht einen großen Menschen aus?

Die vertikale Dimension
Versuch einer Begriffsbestimmung
Scheiternde und scheinbare Größe
Der größte Mensch
Die Sendung und die Person
Quantität und Qualität
Schein-Größe im Massenzeitalter
Vom Kult des Kleinen
Ein Klima für Größe
Erziehung und Bildung
Ehe und Familie
Disziplin und Autorität
Umschlag der totalen Demokratie in die Tyrannis
Liberalismus und gute Volkserziehung
Den Weg bereiten

Die vertikale Dimension

Um sich dem Geheimnis des großen Menschen zu nähern, muß man sich zuerst von gewissen falschen, heute sehr verbreiteten Vorstellungen über Welt und Mensch lösen. Der große Mensch kann nur verstanden werden, wenn klar ist, daß alle Dinge eine Form haben, die sie, wie unvollkommen auch immer, ausfüllen, ebenso wie sie ein Ziel haben, auf das sie hin gerichtet sind. Das gilt insbesondere für den Menschen: jeder Mensch ist eine ἐντελέχεια (Entelechie), ein Wesen mit einem eingeschriebenen Ziel, auf das hin er gerichtet ist. Diese Formen oder eingeschriebenen Ziele gehören zu einer vollständigen Beschreibung der Dinge genauso dazu wie ihre Materialität und ihr Bewirktsein durch andere Dinge.

Die Welt hat nicht nur eine horizontale Dimension, sie schreitet nicht voran zu immer vollkommeneren Zuständen, wie es uns ein heute allgegenwärtiger naiver Geschichtsoptimismus weismachen will. Sondern die Vollkommenheit eröffnet sich dem Menschen zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaftsform durch eine andere als diese horizontale, zeitliche Dimension. Unser Leben ist nicht nur als Übergangsform von Wert, und nicht etwa nur insofern, als es einer zukünftigen besseren Gesellschaft gedient haben wird. Das Leben bekommt seine Würde durch eine andere, zu allem Fortschritt oder auch nur vermeintlichen Fortschritt vertikale Dimension.

Wer das Hohe, das Ideale nur in einem utopischen Zielpunkt der Entwicklung des Menschengeschlechts sieht, zwingt den Menschen in die Horizontale. Seine Mitmenschen an die Hand zu nehmen und entlang der Zeitachse einem imaginierten Menschheitsziel entgegenzuschreiten, ist die Fortbewegungsart des Kriechtiers. Dabei übersieht man, daß die volle Würde und Entfaltung des einzelnen Menschen wie auch der Völker in ihrer idealen Wirklichkeit liegt, die ihnen aus ihrem reinen Sein gegeben ist, gewissermaßen jenseits der Zeitachse. Nur wer diese Vertikale anerkennt, der kann auch die Würde des Menschen begreifen, die in seiner kostbaren Einzigartigkeit begründet ist.

All diese in der Vertikalen angelegten Ideale sind bereits hier und jetzt erkennbare Wirklichkeiten und werden nicht erst in der Zukunft manifest. Sie geben dem einzelnen Sinn und Ziel und lassen Gesellschaften aufblühen, die gemäß dieser vertikalen Dimension organisiert sind.

Zivilisierte Gesellschaften sind nicht möglich ohne Herrschaft - wozu als notwendiger Gegenpart auch Unterordnung gehört. Herrschaft aber impliziert Autorität, Eliten und eine hierarchische Ordnung. Gesellschaften erblühen umso mehr, je mehr sie die Prinzipien von echter Hierarchie, von echter Autorität, von echten Eliten in ihrer ganzen Tiefe zu verkörpern suchen. Unter diesen Umständen sind große Menschen gesellschaftliche Vorbilder; sie ragen als Leuchtfeuer heraus und regen viele dazu an, selbst Großes zu leisten und ihrerseits das, was in ihnen angelegt ist, zur Entfaltung zu bringen.

Versuch einer Begriffsbestimmung

Ein Rückblick in die Geschichte lehrt, daß kulturelle Blütezeiten wie beispielsweise die Renaissance, oft mit einer winzigen Zahl von Menschen verknüpft sind, die aber ihrer Zeit gewaltige Kulturimpulse einpflanzten. Diese besonderen Menschen flammten wie aus dem Nichts plötzlich auf, ihre Wege kreuzten sich oft auf wunderbare Weise mit anderen Großen, um in schicksalhaften Synthesen noch Größeres zu vollbringen, und was sie in die Welt setzten, brachte nicht nur ihre eigene Zeit zum Erblühen, sondern lebte oft noch über Jahrhunderte nach. Was ist das Geheimnis dieser Menschen? Was macht ihre Größe aus? Was ist überhaupt ein großer Mensch?

Das Phänomen menschlicher Größe ist ein Studienbeispiel für das Wirken der Idee. Ich will eine Definition versuchen, die diesen Punkt zur Geltung bringt:

Große Menschen bringen eine Sendung, die sie in sich spüren, und der sie ihr Leben vollständig unterordnen, die sie also zum herrschenden Gedanken ihres Lebens machen, in der Welt zur Wirksamkeit.
Der konkrete Inhalt dieser Sendung ist dabei individuell verschieden und für die Definition nicht entscheidend. Maßgeblich ist nur, daß eine solche Sendung gespürt und mit aller Entschlossenheit gelebt wird. Was ich hier Sendung nenne, ist gleichsam die Form oder Artung des einzelnen Menschen, die in ihm liegt wie der ausgewachsene Baum im Samenkorn - nur daß es anders als beim Samenkorn der Mensch selbst ist, der durch eigene Aktivität und seinen Willen diese in ihm liegende Form zu erkennen und zu verwirklichen sucht. Schiller formulierte es dichterisch:
Suchst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ist’s!

Scheiternde und scheinbare Größe

Definitionen gewinnen ex negativo an Klarheit: was ist nicht groß, sondern allenfalls scheinbar groß? Woran kann Größe scheitern?

Größe kann auf dreierlei Weisen ihren Begriff verfehlen:

Erstens kann man die eigene Sendung falsch wahrnehmen. Man kann sich tragischerweise einbilden, eine bestimmte Sendung zu haben, die man de facto nicht hat, und diese eingebildete Sendung sehr entschieden und durchaus mit der erforderlichen Energie verfolgen. Die Mathematischen Institute der Welt kennen die sogenannten Winkeldreiteiler: das sind Menschen, die ihr ganzes Leben dem Beweis einer mathematischen oder geometrischen Aussage verschrieben haben, die aus wissenschaftlicher Sicht längst entschieden ist. So wurde durch eine von Evariste Galois (1811-1832) entwickelte Theorie endgültig bewiesen, daß es nicht möglich ist, einen beliebig vorgegebenen Winkel mit Zirkel und Lineal zu dritteln, oder die Kreiszahl π mit Zirkel und Lineal zu konstruieren (ein klassisches Problem, das die Quadratur des Kreises genannt wird). Dennoch probieren dies Forscher bis heute unablässig und senden die umfangreichen Studienhefte, die bei ihren Nachforschungen entstehen, zur Begutachtung an Mathematikprofessoren. Wenn sich diese mit Verweis auf Galois’ Ergebnisse und auf die knappe menschliche Lebenszeit weigern, die in den Beweisversuchen notwendig enthaltenen Fehler im Detail nachzuweisen und zu erklären, fühlen sich die Winkeldreiteiler als verkannte Genies, als Opfer akademischer Arroganz. Thomas Mann hat solche zutiefst tragischen Gestalten im “Zauberberg” porträtiert:

Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl pi, diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses.
Zweitens kann auch eine “Sendung zum Bösen” gelebt werden, und auch darin kann man eine gewisse relative Größe erlangen. Im politischen sind die Früchte einer Sendung zum Bösen: Zerstörung, Terror und kultureller Verfall. Die Größe, die durch eine Sendung zum Bösen entsteht, ist allerdings nur eine Abschattung, eine Karikatur wahrer Größe. Der gerissenste Meisterdieb, der größte Halunke, der zu Ruhm gekommene Quacksalber oder Hochstapler - ihre Bilder verblassen nach kurzer Zeit, und ihre Größe ist eine Art von Mimikry, eine Nachahmung der äußeren Gebärden des wahren großen Menschen. Es fehlt die Substanz. Zur wahren Größe gehört eine gute Sendung.

Drittens kann eine Sendung zwar objektiv richtig sein und auch gut, aber man kann an ihr scheitern - sei es, daß man Heranbildung der eigenen Kräfte zum Ziele hin falsch einschätzt, sei es durch Schicksalshärten wie Krankheit, Armut, Hunger, Gefangenschaft, Krieg usw., sei es durch andere, intervenierende Lebensaufgaben oder Pflichten. So hat ein Samenkorn zwar den Baum als Form in sich, wenn es aber in einem schlechten Boden wachsen soll, kann es die Form gar nicht oder nur unzulänglich ausfüllen. Das gilt nicht nur für die Voraussetzungen, sondern auch für die äußeren Umstände: ebenso wie der Boden kann auch das Klima - etwa eine Reihe dürrer Jahre - dem Baum einen Strich durch die Rechnung machen.

Der größte Mensch

Das Beispiel Jesu zeigt übrigens, daß dieser dritte Punkt, die objektive Einschätzung des Erfolgs einer Mission, schwierig ist. Nach menschlichem Ermessen war mit der Kreuzigung Christi alles verloren. Es bleibt nach menschlichen Maßstäben unverständlich, daß ein einzelner Mensch, der darüberhinaus noch als Verbrecher starb und von seinem eigenen Volk verflucht und in den Tod geschickt worden war, zur Gründungsperson einer Kirche werden konnte, die wo immer sie Einfluß erlangte, eine bedeutende zivilisierende und kultivierende Größe wurde.

Ich will kurz ins Religiöse ausgreifen: denn die Vorstellung, daß Dinge eine Form haben, nach der oder auf die hin sie geschaffen sind, ist älter als alle Philosophie, älter als Plato, und urständet in der Religion. Sie wird etwa auch von den Verfassern des Schöpfungsberichts geteilt. Denn dort lesen wir, daß Tier und Mensch “ein jegliches nach seiner Art” geschaffen wurden. Das ist mit Sicherheit nicht bloß eine Redensart, sondern enthält die Auffassung, daß allem ein Typus, eine Idee zugrundeliegt, die ein Teil seiner Wirklichkeit darstellt. Was aber ist die Form, die Art, das Urbild des Menschen? Das Urbild des Menschen ist Gott selbst. Denn gemäß Schöpfungsbericht ist der Mensch “nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen”. Jeder Mensch trägt dieses Urbild in sich, ist “zu Gott hin geschaffen”, wie der Hl. Augustinus von Hippo es ausdrückte. Demnach ist der größte Mensch unter allen Menschen, die je gelebt haben - Jesus Christus. Denn als Sohn Gottes hat er diesen Urtyp auf die vollkommenst mögliche Weise gelebt. Seine Sendung war identisch mit seiner Person, und sein Leben zeigt die vollständige Unterordnung unter diese Sendung, bis hin zum Opfertod am Kreuz.

Die Sendung und die Person

Nun ist Jesus Christus allein dadurch ein absoluter Ausnahmemensch, daß er, der sich der Menschensohn nannte, das Urbild des Menschen, nämlich Gott, in seiner völligen Unmittelbarkeit verkörperte. Für uns andere gilt, daß wir nicht nur dieses allgemeinen Urbild, sondern auch ein konkretes Ziel, eine konkrete Bestimmung in unserem Leben haben, die auf einen bestimmten Lebens- und Wirkensbereich, auf besondere Umstände und Begabungen abgestimmt ist. So differenziert sich menschliche Größe in verschiedenen Formen aus. Wir kennen große Könige und Herrscher, große Krieger und Helden, große Künstler, große Heilige, große Forscher. Je größer sie waren, umso weniger ging es ihnen um sich selbst - umso mehr war ihnen bewußt, daß ihre Größe im Dienst einer Sendung stand, die letztlich im Willen Gottes mündete. So rühmte sich ein Künstler wie Johann Sebastian Bach, der mit seiner Musik ein Stück Himmel auf die Erde herabholte, nie seiner Begabung, sondern unterschrieb jedes seiner Werke mit dem Kürzel S.D.G. - Soli Deo Gloria (Gott allein sei die Ehre). Größe bedeutet also nicht Selbstverwirklichung im heute modischen Sinne, sondern ist im Gegenteil mit größtem Opfermut verbunden: der Bereitschaft, das eigene Selbst einem höheren Impuls, einer Mission oder Aufgabe unterzuordnen. Die Römer wußten das, wenn sie den Marcus Curtius als eines ihrer großen Vorbilder verehrten. Dieser Soldat hatte sich in eine Felsspalte geworfen, die sich mitten in Rom aufgetan hatte, um - wie es ein Orakelspruch verlangt hatte - den Göttern das zu opfern, wovon die Macht und das Wohl Roms am meisten abhänge.

So ist es kein Wunder, daß gerade das Schlachtfeld noch immer einen besonderen Bewährungsort für menschliche Größe darstellte. Soldaten, die bereit sein müssen, ihr ganzes Leben in die Waagschale zu werfen, um des größeren Wohles ihres Landes willen, werden allein durch diese ihre Aufgabe zur Größe erzogen - zur Größe des Heldenmutes, der Tapferkeit, der Kameradschaft - und auch der unbedingten Opferbereitschaft. Das ist der Stoff, aus dem große Menschen geschmiedet wurden. Ein gesundes Volk ehrt immer seine Krieger, denn auch in Phasen von trügerischer Ruhe und Frieden ist es sich - wie Marcus Curtius und die alten Römer - stets bewußt, daß seine Macht und sein Wohl von ihnen abhängen.

Quantität und Qualität

Einzelne große Menschen können Gewaltiges bewirken. Das relativiert die zahlenmäßigen Vergleiche im Politischen - “wieviel Prozent” eine bestimmte politische Kraft aufbringt, ist nicht entscheidend für ihre Durchschlagskraft. Im heute allgegenwärtigen demokratischen Denken hat jeder Mensch genau eine Stimme und daher das gleiche Gewicht, es ebnet die Unterschiede zwischen großen und kleinen Menschen ein. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie es schon Aesop lehrte:
Eine Füchsin, die auf ihre Fruchtbarkeit stolz war, schalt eine Löwin, daß sie nur ein einziges Junges zur Welt brächte. Die Löwin antwortete ihr darauf: »Fürwahr, ich bringe nur eines zur Welt, aber dieses einzige ist ein Löwe.«
Ein einziger großer Mensch kann für den Erfolg einer Schlacht entscheidender sein als ein Heer von Parteigängern. Auch im Kriege spielt zwar die zahlenmäßige Überlegenheit eine Rolle, aber ein unfähiger Führer kann die Truppen trotz zahlenmäßiger Überlegenheit ins Verderben führen, so wie ein kluger Stratege eine zahlenmäßige Unterlegenheit wettmachen kann.

Die Größe ist daher in gewisser Weise ein natürliches Gegenstück zur Menge, zu den Vielen. Sie hebt die Menge nicht auf, aber gibt dem ganzen Haufen Ziel und Richtung - oder macht ihm das eigene Ziel wenigstens sichtbar, hilft ihm, sich zu focussieren. Sich selbst überlassen, ohne Vorbilder, Anleitung und Führung zu haben, geraten die Menschen in einer taumelnden Abwärtsbewegung hin zum berühmten letzten Menschen Nietzsches, der all seine Spannkraft und Formkraft verloren hat, der seine Tage auf Watte gebettet in einem belanglosen, widernatürlichen Einerlei dahinbringt:

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus. »Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln –

Schein-Größe im Massenzeitalter

Und obwohl er das Glück erfunden zu haben meint, ist der Massenmensch zutiefst unglücklich. Er fühlt sich - zu Recht - um seine Würde betrogen, um das, was sein Menschsein ausmacht. Wenn aber der Zeitgeist jede Form von Idealismus in den Boden gestampft hat, kann er sich nicht auf das Wesen echter Größe besinnen. Er versucht, die äußeren Formen der großen Menschen nachzuahmen: daß jemand in einer bestimmten Sache vor allen anderen hervorsticht, daß er etwas Besonderes ist, daß Menschen ihn bewundern, daß er reich ist und erfolgreich und so seinem langweiligen Dasein als Massenmensch entrinnen kann. So entstehen der heutige Star-Kult (dem keine aufrichtende Kraft innewohnt, da er allein nach dem Erfolg bei der Masse strebt, also in der Horizontalen verbleibt), Hot Dog Eating Contests, das Guinness Buch der Rekorde - der Rekord um des Rekordes willen, eine traurige Karikatur echter Größe. Und doch zeigen diese Aktivitäten - bei aller verkommenen Reduktion auf das bloße Erheischen von Aufmerksamkeit - daß die Sehnsucht nach Größe im Menschen angelegt ist. Es ist nichts Verwerfliches darin, nach Exzellenz zu streben!

Größe setzt oft eine hohe Begabung voraus, aber diese Tatsache an sich macht nicht das Wesen der Größe aus, sie ist nur eine Begleiterscheinung. Größe ist nicht bloß die Zelebrierung einer Besonderheit. Sie ist nicht Sache eines Kuriositätenkabinetts, nicht irgendeine ins Extrem ausgeprägte Spezialität, die in der gaffenden Menge ein “Ah” und “Oh” hervorruft, sondern Größe ist im Gegenteil eine besonders vollkommen instanziierte Gesamtform des Menschseins. Man sollte bei menschlicher Größe nicht an eine besondere Spezialbegabung denken, als vielmehr an das volle Ergreifen des Menschseins an sich, etwa im Sinne des von Goethe formulierten Ideals:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
Daß diese Art von Größe nichts mit dem Haschen nach Rekorden und Superlativen zu tun hat, bestätigt auch “der letzte Samurai” Yukio Mishima (1925-1970):
Heute sind die Baseballspieler und die Fernsehstars die großen gefeierten Leute. Wenn einer über spezielle Fähigkeiten verfügt, mit denen er die Öffentlichkeit fasziniert, mag er immer seine komplexe Persönlichkeit darangeben und zu einer Marionette dieser Technik werden, er entspricht damit dem Ideal unserer Zeit. Insofern besteht zwischen dem (darbietenden) Künstler oder Unterhaltungskünstler und dem Techniker kein Unterschied.
Das Agens der Größe, ihre treibende Kraft, ist die tief gespürte innere Sendung - und niemals ist es bloß der Wunsch, dem Dasein als einer von vielen, als sterblicher, einmal im Nichts des Vergessens verschwindender Mensch zu entkommen. Wer sich nur aus dem Wunsch nach Aufmerksamkeit ans Licht der Öffentlichkeit kämpft, gibt nur ein trauriges Zerrbild wahrer Größe ab, eine Parodie, da er sich von den wahrhaft Großen nur dieses eine abgeschaut hat: daß sie eben auch die Aufmerksamkeit der Vielen haben (worauf es ihnen aber nie primär ankam). Wieviel wird zerstört in Menschenseelen, die zu solchen falschen Helden aufblicken!

Vom Kult des Kleinen

Noch schädlicher aber als alles Streben nach Rekorden und Aufmerksamkeit - sind es doch pervertierte Formen eines im Kern immerhin guten Antriebs zur Größe - ist der grassierende Kult des Kleinen, politisch gefördert durch die Gleichheitsideologie und unser demokratisches Zeitalter. Bedeutet Größe, wie oben definiert, das Streben nach Ausfüllen der Form, so setzt die Kleinheit dem die Vergessenheit der Form entgegen. Das paßt weltanschaulich sehr gut zum Materialismus, der alle Zielursachen in der Welt zum bloßen Anschein erklären will, der “in Wahrheit” (hier also doch “in Wahrheit”!) durch Säfte und Kräfte rein mechanisch zustandekomme. Immer in der Pose moralischer Empörung über alle Ungleichheiten wird schließlich alles Höherstehende, alles Edle, alles Bedeutende abgeschliffen, was dem einzelnen Menschen Würde und Tiefe geben könnte. So spricht der übellaunige Zwerg zum Riesen: “Ich bin klein, und du bist groß, das ist ungerecht. Wenn du das nicht einsiehst, wenn du dich nicht freiwillig kleinmachst und mit einem Buckel herumläufst, wenn du deine Lektion in Bescheidenheit nicht lernst, bist du böse. Auf jeden Fall muß deine Größe kleingeredet und dem Spott preisgegeben werden, da ich sie nicht ertrage.” Getarnt durch die Rede von Humanität und Mitmenschlichkeit, befördert dieser Kult der Bedeutungslosigkeit eine mächtige kulturelle Abwärtsbewegung: denn dem einzelnen wird ja jede Motivation genommen, seine Anlagen zu entwickeln.

Ein Klima für Größe

Eine Gesellschaft wird dann am besten gedeihen, wenn sie der Größe Raum gibt - man muß sich ermuntert fühlen, in allem Tun nach Exzellenz zu streben. Aber nicht nach der Exzellenz des Rekordes, die keine wahre Größe ist. Es ist keine Größe, durch schlaue Geschäftigkeit ein Millionenvermögen anzusammeln, auch wenn das heute vielfach als Größe angesehen wird. Es ist keine Größe, mit künstlerischen oder gastronomischen Produktionen den heutigen Massengeschmack zu treffen. Menschen, die darin gut sind, mögen zwar für kurze Zeit Popularität genießen, aber von Dauer ist ihr Werk nicht.

Wahre Größe hat auch immer eine Rückbindung an die Gemeinschaft, in der und für die sie erblüht. Die oben aufgezählten Beispiele der Größe zeigen das: große Könige, große Kämpfer, große Forscher, große Heilige - sie alle hatten nicht ihr eigenes Wohl im Auge, sie waren keine "net wealth optimizer", sondern was sie schufen und für was sie lebten, war immer auch ein Dienst an ihrer Gemeinschaft, diente dem summum bonum und nicht nur ihrem eigenen net wealth.

Erziehung und Bildung

Einen wichtigen Anteil daran, ein positives Verhältnis zur Größe zu vermitteln, tragen die Erziehung und die Bildung - durch die Eltern wie durch staatliche Lehranstalten. Wenn hier gute Gärtnerarbeit geleistet wird, profitiert die ganze Gesellschaft von den Früchten.

Auch das Gedenken an große Menschen vergangener Zeiten muß einen angemessenen Platz in der Gegenwart haben.

Um das positive Gemeinschaftsgefühl in der Seele zu verankern, in den sich das Handeln einfügen sollte, gibt es nach wie vor kein besseres Lern- und Übungsfeld als die Familie. Die Versuche, die Familie abzuschaffen und an ihre Stelle ein "kollektives Bewußtsein" der Weltgemeinschaft herbeireden zu wollen, sind vor allem eines: leeres Gerede. Die Familie ist der Ort, in dem geboren wird, also Leben weitergegeben wird von den Früheren an die Zukünftigen. Die Eltern stehen da als "priesterliche Mittler zwischen dem, was vorher war und dem was sein wird" (Pfr. Hans Milch). Dieser Ort, an dem neues Leben entsteht, ist die Keimzelle der Gesellschaft, der Nation, deren Wortherkunft von nasci, geboren werden, schon deutlich sagt, daß sie durch eine gemeinsame Herkunft begründet ist, durch gemeinsame kulturelle wie auch biologische Traditionslinien, die es in die Zukunft hinein zu erhalten und zu pflegen gilt.

Was wir heute vorfinden, ist in alledem das gerade Gegenteil. Es ist, als legten es herausfordernde Gegenmächte geradezu darauf an, alles Große und Erhabene zu verhöhnen, zu verspotten, in den Dreck zu ziehen und alles Streben nach Größe zu verhindern.

Der Eindruck, daß hier im Verborgenen feindliche Kräfte oder Gruppen wirken, ist sicher kein Hirngespinst - ich bin überzeugt von der Existenz solcher Gegenmächte, aber sie können sich nur entfalten aufgrund der Zustimmung der Vielen, die ohne äußere Anleitung in eine freie Abwärtsbewegung geraten, weil ihnen die Selbstdisziplin und moralische Spannkraft dafür fehlen, ein Leben oberhalb der nackten Bedürfnisbefriedigung zu leben. Die Dinge, sich selbst überlassen, fallen den Gesetzen des Abbaus und Verfalls anheim, sie werden zum Opfer von Rost und Motten, verlieren ihren Glanz, verderben, verrotten und verfaulen, wenn nicht beständige pflegende oder veredelnde Arbeit an ihnen geleistet wird. Das gilt wie für jedes Ding so auch für den Menschen.

Ehe und Familie

Einige starke Verfallskräfte sind geistig im Kulturmarxismus der Frankfurter Schule zu verorten. Eine ihrer Früchte, die Emanzipationsbewegung klagte über einen gesellschaftlichen Zwang, der Frauen angeblich zu Heim, Herd und zum Kinderkriegen drängen würde - und etablierte dafür einen gesellschaftlichen Zwang für Frauen, Heim, Herd und Kinder wie die Pest zu meiden, weil es sich um unwürdige Sklavenarbeit handele, die eine gewaltige mythische, in Urzeiten zurückreichende Verschwörung der Männer, das sogenannte Patriarchat, ihnen aufgebürdet habe. Eine heutige Partnerschaft hat demnach auch nichts mehr mit einer traditionellen Ehe und Familie zu tun, die immer vor allem als ein schicksalhaft gegebenes Spannungs- und Übungsfeld der Sozialität, der Liebe, der Treue, der Moralität angesehen wurde, als eine Lebensgemeinschaft, die durch ein bindendes Versprechen über die Launen der einzelnen erhoben ist und sich in der genannten priesterlichen Mittlerstellung zwischen Vergangenheit und Zukunft befindet.

Im Unterschied hierzu ist eine heutige Partnerschaft eine zum gegenseitigen sexuellen Nießbrauch eingegangene Wohngemeinschaft zweier oder mehrerer Menschen beliebigen Geschlechts, die auch jederzeit beendet werden kann, wenn es sich für einen der Beteiligten “nicht mehr richtig anfühlt” oder er sich durch die Beziehung in seinem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung eingeengt fühlt. Dink (double income no kids) ist das Ideal heutiger Lebensabschnittsbeziehungen. Wer sich doch Kinder erlaubt, zur Abwechslung, weil sonst die Monotonie und Sinnlosigkeit der Lebensführung allzu offenkundig würde, hat zu wenig Zeit für sie und sucht sie so bald wie möglich an staatliche Einrichtungen abzuschieben, weil sie ihn stressen. Dann geht es zwar für ihn wieder, aber die nach Aufmerksamkeit hungernden Kinder, denen die eigenen Eltern ihr Recht auf eine familiäre Hülle genommen haben, werden zu einer schweren Last für chronisch überforderte Erzieher, Tagesmütter, Betreuerinnen und Lehrer. Lehrer sehen sich plötzlich in der Aufgabe, Erziehungsleistungen zu vollbringen, die früher selbstverständlich von den Familien erwartet wurden. Insbesondere wurde es versäumt, Disziplin und Gehorsam einzuüben. Das macht es Lehrern, selbst wenn sie es wollten, kaum noch möglich, die Kinder zu Leistungen anzuspornen, bei denen sie an ihre Grenzen kommen.

Viele Lehrer wollen das aber auch gar nicht, denn die marxistischen Dozenten an ihrer Pädagogischen Hochschule haben ihnen beigebracht, daß ein guter Unterricht vor allem egalitär und inklusiv sein muß, daß der Lehrer sich am besten auf die Stufe des Kindes begibt (“es da abholt, wo es steht”) und ihm so wenig Vorgaben wie möglich macht. Das begabte Kind sollte, um möglichst nicht anzuecken, sein Licht unter den Scheffel stellen und sich mit dem allgemeinen Durchschnittsniveau zufriedengeben. Nur so könne endlich die neue Gesellschaft gleicher Menschen entstehen, in der es kein soziales Oben und Unten mehr gebe, sondern alle Menschen den gleichen Rang haben und sich brüderlich die Hände reichen.

Disziplin und Autorität

Bernhard Bueb, langjähriger Leiter des Internats Schloß Salem, schrieb in seiner Studie Lob der Disziplin (2006), wie der in der Menschennatur verankerten, auf Autorität und Gehorsam gegründeten traditionellen Pädagogik ab 1968 andere, oft experimentelle Erziehungsparadigmen folgten und die Ansicht schließlich allgemein wurde,
Erziehung bis in die letzten Winkel der Kinderzimmer zu demokratisieren. Das Gespräch, die Verabredung, die Vereinbarung und die Diskussion bilden seither das Fundament der Erziehung. Eltern und Lehrer geben sich als Partner von Kindern und Jugendlichen, das natürliche Machtgefälle wird zugunsten eines vernünftigen Diskurses unter Gleichen aufgehoben. Eltern ließen sich - vor allem in den siebziger und achtziger Jahren - nicht mehr als Vater und Mutter ansprechen, sondern mit Vornamen, in der einen oder anderen Schule duzten Schüler die Lehrer. Hierarchien wurden auf ein Minimum reduziert. Dieser demokratische Geist in der Erziehung ist inzwischen Gemeingut geworden, ein Stück deutscher pädagogischer Kultur, deren Kinder wir mehr oder minder alle sind. Gemeinsam ist allen die zu lobende Bemühung, Kinder und Jugendliche zu achten, sie nicht zu unterdrücken oder zu demütigen, sondern ihnen ein Umfeld zu schaffen, das ihr Aufwachsen fördert. Ebenso gemeinsam ist aber allen, ihren Anspruch auf Erziehung im täglichen Leben bis zu den kleinen Regelungen des Umgangs und Zusammenlebens zu rechtfertigen. Sekundärtugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß oder höfliche Umgangsformen gelten nicht mehr selbstverständlich. Die Forderung nach Disziplin und Gehorsam gilt als undemokratisch und daher inhuman.
All dies ist offensichtlich Gift für eine Kultur, die um Pflege von Größe bemüht sein will. Der Passus macht zudem deutlich, daß diese der menschlichen Natur zuwiderlaufende Entwicklung einer Totalisierung des demokratischen Gedankens entspringt. Demokratie, die als Mehrheitsprinzip in sich wertneutral lediglich eine Methode der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung darstellt, wird zur höchsten, allgültigen moralischen Norm erhoben. Das ist einer der Punkte, an dem Moral zu Hypermoral umschlägt.

Umschlag der totalen Demokratie in die Tyrannis

Mit dieser Tendenz der Demokratie zur maßlosen Übertreibung ihres eigenen Prinzips spreche sich die Demokratie schließlich ihr eigenes Todesurteil aus und schlage in die Tyrannis um, beschrieb schon Platon in seiner Politeia: der Drang nach Freiheit von aller Unterordnung finde keine natürliche Gegenkraft oder Grenze mehr, breite sich also immer weiter aus und dringe in jeden Winkel der Gesellschaft ein, sogar bis in das Familienleben,
(...) wenn etwa ein Vater sich gewöhnt, einem Knaben ähnlich zu werden, und sich vor seinen Söhnen fürchtet, wenn dagegen ein Sohn den Vater spielt und weder Scham noch Furcht vor seinen Eltern hat, damit er nämlich frei sei, wenn der Abhängige sich dem gleichstellt, von dem er abhängig ist, und der Bürger sich seinen Abhängigen gleichstellt, und ebenso zum Ausländer auf gleiche Weise.

Und es bleibt dabei nicht allein, sondern es ereignen sich auch noch andere Kleinigkeiten folgender Art: Der Lehrer fürchtet seine Schüler und schmeichelt ihnen, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und so auch vor ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der Alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während die Alten sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen, dabei von Witzeleien und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als griesgrämig, nicht als herrisch erscheinen.

Darauf sagte ich weiter, aber das Äußerste was an Freiheit in einem solchen Staate zum Vorschein kommen kann, tritt ein, wenn bekanntlich die Abhängigen ebenso frei sind wie die, von denen sie abhängig sind. Wie weit aber auch in dem Verhalten der Weiber zu Männern und der Männer zu den Weibern, wie weit da die Gleichheit und Freiheit geht, das hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen. (...)

Wenn du alle diese Erscheinungen zusammen nimmst, fuhr ich fort, siehst du nun ein, was das Allerschlimmste hierbei ist? Daß sie die Seele der Bürger so empfindlich machen, dass sie,wenn ihnen jemand auch nur den mindesten Zwang antun will, sich alsbald verletzt fühlen und es nicht ertragen, ja endlich, wie du wohl weißt, verachten sie gar alle Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur keinen Gebieter in irgend einer Beziehung über sich zu haben.

Das also, sagte ich, ist denn der Anfang, woraus die Staatsform der Tyrannis erwächst, wie ich glaube.

Liberalismus und gute Volkserziehung

In liberalen Kreisen klagt man oft über die “Erziehungsmedien” und die unerwünschte Volkserziehung (zur Dramatisierung gern mit einem kleinen Nazi-, “Stürmer”- oder Goebbels-Vergleich aufgehübscht) und strebt an, den Einfluß des Staates auf ein Minimum zu reduzieren, indem man behauptet, Staat an sich sei schlecht, und je weniger Staat, umso besser. Es stimmt zwar, daß unsere heutigen Staaten mit ihrer Macht und den zur Verfügung gestellten Steuergeldern großteils Unsinn, Verschwendung und Verbrechen produzieren. Daß dies aber immer so sein müsse, daß Unsinn, Verschwendung und Verbrechen also quasi zu den Merkmalen von Staatlichkeit an sich gehöre, heißt es mit der Kritik zu übertreiben. Eine alte römische Rechtsregel lautet: abusus non tollit usum - der Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Die pauschale Verurteilung aller Staatlichkeit, nur weil unsere gegenwärtigen Staaten sich hinter einer mehr und mehr bröckelnden Fassade von Demokratie, Gewaltentrennung und Rechtsstaatlichkeit als vollkommen verrottet erweisen, schüttet gleichsam das Kind mit dem Bade aus.

Die Geisteskrankheit, die zu solchen Urteilen verleitet, ist die erwähnte Blindheit für die Form, die Idee, den Sinn, den Zweck, die Natur einer Sache, der wir in der Neuzeit verfallen sind. Daraus, daß sich eine Sache als pervertiert zeigt, folgt aber nicht, daß sie von ihrem ursprünglichen Aufbau her notwendig dahin führt, also diese Perversion bereits in sich trägt. Es ist also nicht die Volkserziehung an sich etwas Schlechtes, ebensowenig wie staatliche Autorität an sich etwas Schlechtes ist - sondern die Menschen, die heute die Volkserziehung betreiben und die heute herrschen, üben ihr Amt sehr schlecht aus. Der Grund dafür liegt darin, daß sie nicht mehr das summum bonum im Auge haben, das Ideal, das allein ein Volk mit seinen Führern einen kann. Hinter aller Größe steht nämlich ein Größtes, auf das hin alles gerichtet ist. Wenn dies nicht mehr gesehen wird, verfällt auch die Demokratie zu einem Kampf verschiedener Cliquen oder Lobbies gegeneinander.

Der Liberalismus als Kult um eine inhaltlich unbestimmte menschliche Freiheit, als ein bis ins Lächerliche übertriebenes “frei von”, ohne jedes “frei zu”, ist also der eigentliche Totengräber der Demokratie: sie frißt sich umso mehr selbst auf, je mehr sie diesem unbestimmten Freiheitsdrang freien Lauf läßt. Der Kult um die inhaltlich unbestimmte Freiheit ist eine geistige Faulheit, geboren aus der Feigheit, selbst Stellung zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen.

Den Weg bereiten

Dennoch halte ich es für möglich, daß wir dieser bedrohlichen Abwärtsbewegung noch Einhalt gebieten können. Nicht nur aus dem bisher Beschriebenen, sondern grundsätzlich ist es ja klar, daß Qualität Quantität sticht: es ist keine große Zahl von Menschen nötig, um eine Gegenkraft aufzubauen. Eine wenn auch zunächst kleine Gegenkultur, die sich dem allgemeinen Verfall entgegenstellt, indem sie zu den naturgemäßen Formen der Erziehung, der Bildung, des Umgangs miteinander zurückkehrt und die das Christentum pflegt, um sich zu Gott hin auszurichten, tut nicht nur das, was jeder einzelne bei genauer Gewissensbetrachtung als das für ihn persönlich Richtige erkennen dürfte, sondern er wirkt als Ferment und bereitet den Weg für die Zeit, wenn die schon heute sichtbar zunehmende Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen zu einem Elitenwechsel führt.

Das mag zwar zuweilen nicht einfach sein, aber es ist sinnvoll und ursprünglich und führt uns heraus aus den flachen, seichten Gewässern, deren Erosionskräfte bald alle menschliche und gesellschaftliche Substanz verschlissen haben können. Natürlich gilt es bei aller Arglosigkeit auch klug zu sein, denn in nichts ist das herrschende System besser als im Einsaugen und Unschädlichmachen von Widerstand - Botho Strauß beschreibt diese Gefahr in seinem Anschwellenden Bocksgesang (1993):

Es ist überhaupt keine Frage, daß man glücklich und verzweifelt, ergriffen und erhellt leben kann wie eh und je, freilich nur außerhalb des herrschenden Kulturbegriffs. Was sich stärken muß, ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist mächtig und schwächlich zugleich. Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.
Bereitet den Weg! So will ich adventlich mit Johannes dem Täufer schliessen, der den Menschen damals das Μετανοεῖτε zurief: ändert euren Sinn, eure enge und falsche Art, die Dinge zu sehen, ihr Menschen! Seht die Welt wieder richtig! So wurde für viele das Krumme gerade, die Lüge schwand dahin, Blinde wurden sehend und Lahme gehend. Damals im Menschheitsadvent wurde das allergrößte Urbild des Menschen Gestalt. Im Kleinen passiert das auch beim politischen Aufbruch, den wir erwarten und auf den wir hinarbeiten: die Verblendung durch Reduktionismus, Relativismus, Materialismus, Atheismus, in die wir uns jahrhundertelang grimmig immer tiefer hineingefressen haben, schwindet dahin - immer mehr Blinde nehmen heute die rote Pille und sehen die Dinge, wie sie wirklich sind, und Mutlose schöpfen Kraft und werden aktiv. Und auch diesmal geht es darum, die Natur, auf die hin die Menschen und die Völker angelegt sind, zu erkennen und zu leben. Das ist die aktive Re-Aktion, der wir uns verschrieben haben, weil wir das Lebendige lieben.

Keine Kommentare :