Donnerstag, 29. März 2007

Über die Einsamkeit

Das Wort Einsamkeit ist negativ besetzt - zu Unrecht. Das Gefühl der Einsamkeit ist ein tiefes Erlebnis des Auf-Sich-Gestellt-Seins und der Selbstverantwortlichkeit. Es stellt sich nicht nur auf kleinen, verlassenen Südseeinseln ein. Man kann es in bester Gesellschaft haben, auch auf überfüllten Plätzen und in der Gaststätte beim Mahl mit lieben Freunden, und nach einem Tag voller anregender Gespräche. Manche fürchten sich davor und tun viel, diesem Erlebnis auszuweichen. Aber wenn man sich den Fragen und Gefühlen stellt, die das Erlebnis der Einsamkeit bietet, wird man die Furcht vor ihr ablegen - und ein intensiveres, tieferes Lebensgefühl kann sich einstellen.

So wie wir einsam geboren wurden, so werden wir auch einsam Abschied nehmen von dieser Welt. Alle Gemeinschaft, alle Geborgenheit und alle Sicherheit, in der wir uns wähnen, fällt dann von uns ab. Übrig bleibt - ein nackter Wurm, ein Nichts im Angesicht der Ewigkeit, ungetröstet und ungeborgen.

Können wir dieses Gefühl schon jetzt aushalten?

Wenn Platon sagt "Philosophieren heisst sterben lernen" - könnte nicht auch gemeint sein, sich an diese Einstellung schon jetzt, mitten im Leben zu gewöhnen? Falsche Sicherheiten über Bord zu werfen. Da ist nichts, woran man sich in seinem letzten Moment klammern kann - man muss alles zurücklassen, oder es entpuppt sich sowieso als trügerische Sicherheit.

Wie wäre es, sein Leben von diesem letzten Moment aus zu führen?

Masochistisch? Nur scheinbar! War Mozart ein Masochist? Und doch gibt es von ihm, dem angeblich exaltierten Lebemann, folgendes Zeugnis:
Da der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht alleine nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! - Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht den anderen Tag nicht mehr sein werde. – Und es wird doch kein Mensch von allen, die mich kennen, sagen können, dass ich im Umgang mürrisch oder traurig wäre. [aus einem Brief an seinen Vater vom April 1787]

Kein Zweifel, die Perspektive des zwangsläufig einsamen Lebensendes ist ernüchternd und wirkt auf das Gemüt abschreckend. Da spielt auch der natürliche Selbsterhaltungstrieb hinein und versucht, unser Bewusstsein auf andere, scheinbar schönere Dinge zu lenken. Könnte es sich aber bei diesen "schöneren Dingen" bloss um Zerstreuungen, um Ablenkungen handeln? Vielleicht gibt es ja doch Dinge, die selbst im Angesicht des Todes Bestand haben? Vielleicht haben wir, wenn wir jetzt schon über diesen Sachverhalt reflektieren, eine Gelegenheit, Wesentliches und Unwesentliches in unserem Leben besser auseinanderzuhalten. Wie uns der Angelus Silesius, der schlesische Sendbote mahnt:

Mensch, werde wesentlich!
Denn wenn die Welt vergeht,
fällt der Zufall weg,
das Wesen - das besteht.


Die Einsamkeit des Sterbenden auszuhalten, ist eine Chance, den festen Grund in uns zu spüren. Denn es gibt etwas in uns, das Bestand hat und die Zeiten überdauert. Im Rückblick auf das bislang gelebte Leben können wir bei allen Irr- und Umwegen, allen Albernheiten, Schwächen und Halbheiten unserer Bemühungen doch einen persönlichen Kern ausmachen, der sich über die Jahre gleich geblieben ist, der beständig ist. Auch wenn wir ihn jeden Abend loslassen und ihn jeden Morgen wieder neu ergreifen - dieser Wesenskern bleibt in seiner Kontinuität ein Grund, auf dem wir bauen können. Man könnte dieses Erlebnis mit dem Mantra "ICH BIN" umschreiben.

Diese Beständigkeit zu erleben, ist eine Quelle von Ruhe und Kraft, gibt eine Gelassenheit (nicht Nachlässigkeit), die es uns ein für allemal unmöglich macht, uns angstvoll an Dinge (oder an Menschen) zu klammern, als hinge unsere Existenz von ihnen ab.

Natürlich ist das Erlebnis der Kontinuität der Persönlichkeit letztlich etwas Transzendentes. Denn die konkrete Gestalt unserer Persönlichkeit ist von dieser Welt, ist ein geschaffenes Ding wie alles andere und damit dem Werden und Vergehen unterworfen. Wer es nicht glauben mag, dem kann das neurologische Wachsfigurenkabinett eines Oliver Sacks vorführen, wie trügerisch auch so ein Ding wie die Persönlichkeit ist: "Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie – und wir geraten in eine andere Welt."

Wir können das Beständigkeitserlebnis daher nur als eine Allegorie sehen, als einen Spiegel dessen, was wirklich beständig ist. So wie wir einst nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen wurden und nach dem, was seit der Schöpfung geschehen ist, immerhin noch ein Gleichnis, eine Andeutung geblieben sind - so ist auch das Beständigkeitserlebnis der Persönlichkeit nur ein Gleichnis, ein Fingerzeig auf die transzendente Beständigkeit Gottes, den wahren Fels, auf dem die ganze Existenz gründet. Wenn der Gott im brennenden Dornbusch die geheimnisvollen Worte "Ich bin der Ich-Bin" spricht, so geht das möglicherweise in diese Richtung: Das Ich-Bin-Erlebnis urständet in Gott. Alle Ruhe und Kraft, die wir bei dieser Betrachtung erleben, strömt daher nicht aus der Persönlichkeit selbst, sondern allein aus ihrem Grund, der der Grund der Welt ist. Wie es Rilke in seinem berühmten Herbstgedicht sagt:
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.
Das Erlebnis der Beständigkeit lässt sich durch das Erlebnis eines kontinuierlichen Wachstums, einer Entwicklung ergänzen, die über die begrenzte Persönlichkeit hinausgeht und den ganzen geschichtlichen Strom umfasst, in den wir hineingestellt sind. So gesehen sind wir nicht allein, nie allein, auch nicht im letzten Moment, denn wir sind immer Gattungswesen und haben Anteil an der kollektiven Noosphäre, an der Geschichte des Menschen und seines Bewusstseins.

Wenn wir beispielsweise den Wegen eines längst verblichenen Denkers folgen, uns ihm nahe fühlen, uns seine Gedanken zueigen machen oder sie weiterführen, so verlieren räumliche und zeitliche Distanz ihre Bedeutung.

Diese Art von Gemeinschaftserlebnis, das Stehen im Strom des Bewusstseins, ist nicht trügerisch. Es wird nie in sich zusammenfallen. Man könnte es mit dem Mantra "ICH BIN MENSCH" umschreiben. Betrifft der erste Ruhepunkt, das "ICH BIN", unser individuelles Sein, so bestimmt dieser zweite Punkt unser Gewordensein, das Raunen der Ahnen in unserem Blut.

Wenn diese beiden Verhältnisse geklärt sind - das, was wir sind, hat eine lange Vorgeschichte und im Ich einen festen Grund - dann kann sich uns als ein Drittes die Zukunft erschliessen. Dann kommt zum Gewordenen und zum Sein noch der frische Atem des Werdens hinzu. Tatkraft und Optimismus stellen sich ein, um von hier aus in die Zukunft zu bauen. Und wenn es nur das berühmte Apfelbäumchen ist, das Luther angeblich am letzten Tag der Welt noch pflanzen wollte. Für den, der Anteil am Werden hat, ist es egal, ob er am letzten Tag tätig wird. Hauptsache, er kann Visionen verwirklichen, seinen schöpferischen Quell ausleben.

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