Sonntag, 23. Oktober 2016

Preist ihn, alle Völker!

Die Israelreise, die ich mit meinem Sohn im Sommer 2015 unternommen habe, hat sich mir (und auch meinem Sohn) tief eingeprägt. Ein besonders starker Eindruck - unter den vielen wertvollen - waren mir meine Empfindungen bei Betrachtung der Galerie im Innenhof der Verkündigungsbasilika in Nazareth, die also zu Ehren der Erwählung von Maria als Mutter des inkarnierten Gottes erbaut wurde. Eine Erwählung, die sie in Demut, aber auch in vollem Bewusstsein der Größe dieses Ereignisses für die gesamte Menschheit annahm: "Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter."

Die Galerie zeigt nun, Nation für Nation, Bilder, die diesen Moment würdigen. Diese Bilder drücken sehr schön die einzelnen Volksseelen aus, das Wesenhafte, das jedem dieser einzelnen Völker eignet. Jedes Volk preist diesen Moment auf seine ganz besondere Weise. Sie alle porträtieren die Maria in einer Weise, die ihre Art ausdrückt, sich dem Ideal anzunähern.

Nur als ein Beispiel für diese vielen Wesensarten bringe ich ohne Kommentar hier das Bild der Spanier.

Ich finde es anrührend, sich das zu vergegenwärtigen: die Völker haben ihre ganz besondere Weise zu sein, die sich über die Generationen entwickelt hat, ihr kostbares Eigenes. Und aus diesem Eigenen heraus richten sie ihren Blick hinauf - zu Gott. So hat jedes Volk sein positives, sein verehrungswürdiges Moment, seinen ganz spezifischen Beitrag zum Ganzen.

Die Frage "Was ist denn dieses Volkswesen?" können wir nicht so einfach beantworten, wie wir zum Beispiel die Frage nach irgendeinem Ding dieser Welt beantworten können (etwa: ist Australien eine Insel?). Das ist aber nicht besonders verwunderlich. Wir können ja nicht einmal die Frage nach dem Wesen eines einzelnen Menschen befriedigend beantworten. Auch wenn wir einen intuitiven Begriff von ihm haben und selbstverständlich seine Existenz als ganz besonderes, einzigartiges Geschöpf anerkennen: der ganz konkrete Mensch, wie er vor uns steht, läßt sich wesenhaft nicht erschöpfend beschreiben. Um wieviel hoffnungsloser ist diese Frage dann für Menschengruppen, für Völker. Für den Gläubigen urständet eine Menschenseele ebenso wie eine Volksseele in der spirituellen Welt. Natürlich ist sie real - aber auf eine tiefere Weise, als es unser gewöhnlicher, an den Dingen dieser Welt geschulter Verstand fassen kann. Die katholische Tradition wußte noch vom Engel eines Volkes (Anthroposophen würden verbessern: nein, Erzengel!), der dessen Schicksal impulsiert, anleitet, auf seinem Weg durch die Zeiten begleitet und der in besonderer Weise mit der Essenz seines Volkes verbunden ist.

Der Psalm 117 (Vulgata: 116), mit nur zwei Versen der kürzeste Psalm, ja das kürzeste Kapitel der gesamten Bibel, drückt den Gedanken der vielen Völker, die um den Altar des Höchsten versammelt sind, sehr schön aus:

Interessante Nebenbemerkung, dass hier in einem typisch orientalischen Parallelismus zweimal das Gleiche mit leicht unterschiedlichen Wörtern gesagt wird: die goyim (Völker) loben den Herrn, und die ha'umim (Völker) preisen ihn. Zwar haben die beiden Wörter für "Volk" leicht unterschiedliche Bedeutungswolken – das erste (goyim) wird in der Bibel oft, aber nicht immer, auf die Fremdvölker der Ungläubigen verengt. Aber schon in einer der ersten Verwendungen, in Exodus 19,6, verheißt Gott den Israeliten, "ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk" (goy kadosch) zu sein.

So zelebriere ich Multikulti: nicht die Abschaffung der Grenzen und die allgemeine Völkerwanderung schafft das Multikulturelle, sondern wir haben bereits das Multikulturelle: es ist die Bejahung der gewordenen Traditionsströme - in ihren Räumen und mit ihren besonderen Menschengruppen, in denen sich dieses Spezifische jeweils zubereitet hat und weiter entwickelt.

Auf Twitter würdigte jemand zu Recht den folgenden kurzen Gesang der russischen Nationalhymne als die letzte Bastion des Volkszusammenhaltes, von der - wie von Familie und Religion - noch ernsthafter und entschiedener Widerstand gegen das Globalisierungsprojekt der Eliten kommt.

Er hat recht: mit Mätzchen wie Wirtschaftssanktionen kann man diesem Geist nicht beikommen - im Gegenteil, es wird ihn weiter stärken. Sicher ist das nicht so ein spontanes Singen gewesen, wie es auf den ersten Blick scheint: denn die Russen mögen ihr Volk lieben, aber sie tragen deswegen trotzdem nicht die ganze Zeit Russlandfähnchen mit sich herum. Es sieht eher wie ein Flashmob aus. Wie auch immer - die Vorführung überzeugt.

Tatsächlich ist die russische Hymne ein beeindruckendes Zeugnis für diese edle, dem Ideal zugewandte Seite des Völkischen, die die höchsten Willenskräfte jedes einzelnen ansprechen kann, der diesem Volk entstammt und der sich den Erhalt und die Weiterentwicklung dieses Eigenen zur persönlichen Aufgabe gemacht hat.

Nachdem ein anderer Twitterer auf die dunklen Seiten der Völker hinwies – in diesem Fall der USA – erinnerte der ThinkPunk, dass – bei allen Schattenseiten der gegenwärtigen Politik – auch dieser Hymne etwas Großes und Besonderes zugrundeliegt, das es zu zelebrieren gilt.

Natürlich gilt es wie bei uns zu fragen: entspricht diese dunkle Seite der US-Politik mit ihrem zerstörerischen Interventionismus überhaupt der Volkseigenart, dem Wesen des Volkes, wie es sich zum Beispiel in seinen Hymnen ausdrückt? Die Frage stellt sich umso drängender, wenn ein Gauck zum Beispiel ganz unverhohlen ausspricht, dass er nicht die Eliten, sondern die Völker als das gegenwärtige Problem ansieht.

Jedenfalls hat das Ideale der USA seine Berechtigung und ist zu würdigen, so wie jedes andere Volk sein Ideales pflegen und würdigen sollte. Der Blogger Angel Millar ("People of Shambhala") versucht in dem sehr lesenswerten Artikel American Dasein, the USA and deep identity in the multipolar world, sich dem Wesenhaften der USA, dem Guten der USA, in seinen Grundzügen anzunähern.

In diesem Kontext gesehen, haben wir Deutsche natürlich die Aufgabe, unsere eigene historische Besonderheit, die Mission unserer Volksseele zu erspüren. Wie kann dieses Besondere der Deutschen, das ideale Besondere der Deutschen denn verstanden werden? (Und von Richtern und Henkern will ich nichts hören, wenn ich nach dem idealen Volkswesen frage – finsterste Abgründe tun sich bei allen Völkern auf.)

Da ist zunächst die Hymne – die erste Strophe Deutschland, Deutschland über alles, daß man also sein eigenes Volk mehr liebt als die anderen Völker der Welt, ist zunächst nicht besonders spektakulär: so wird auch ein Kind seine eigene Mutter mehr lieben als alle andern Mütter dieser Welt, und dieser Vergleich ist sehr eng, denn Völker sind Herkunftsgemeinschaften (mit einer historisch-kulturellen und einer biologischen Komponente).

Die heute führende dritte Strophe Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland hat dagegen eine herausragende Bedeutung, denn sie vermittelt zwischen dem kollektiven Ideal (Einigkeit) und dem Freiheitsideal durch das Recht, genauer: die Rechtsstaatlichkeit. Die beiden im Extrem unguten Stimmungen: des Aufgehens in der Masse einerseits und des Rufes nach absoluter individueller Selbstbestimmung andererseits werden versöhnt im Recht. Das Recht schützt die Freiheit und lebt von der Einigkeit. Das Recht - und damit die Freiheit - könnte auf Dauer nicht existieren ohne die freiwillige Leistung der Menschen, sich gemeinsam als ein Volk zu fühlen. Denn ohne Demos, ohne Volk, entartet auch die Demokratie zu einer Karikatur (nämlich zum Lobbyismus: jede Teilgruppe kämpft für ihre Interessen, ohne daß ein gemeinsames Höheres gesehen wird, dem sich alle verpflichtet fühlen). Allein schon in diesem Vers drückt sich der deutsche Wunsch nach der Mitte aus, in der man das Wesentliche zu finden hofft.

Nicht nur geographisch ist der Begriff "Mitte Europas" zu verstehen – er steht auch für ein den Extremen abholdes, vermittelndes Element, und für die Frage nach dem Wesentlichen in all dem flackernden Hin- und Hergewoge um uns herum, die berühmte deutsche Innerlichkeit. Das ideale Deutsche, das wesenhaft Deutsche wird besonders gut durch die Figur des Faust porträtiert, der "weit entfernt von allem Schein / nur in der Wesen Tiefe trachtet."

Diese deutsche Suche nach einem überdauernden Sinn, nach der Gewissheit spendenden, aus der eigenen Wesenstiefe bejahten Überzeugung, birgt eine gewaltige Kraft. Wenn sich diese Überzeugung einmal Bahn bricht, ist sie von einer großen Kraft und verleiht eine gewaltige, kaum überwindbare Wehrhaftigkeit. Denn vor der Wahrheit, nach der hier gesucht wird, flieht das ganze Nachtgezücht wie die Vampire vor dem Licht. "Deutsch sein heißt: eine Sache um ihrer selbst willen zu tun", hat Richard Wagner einmal gesagt. Wenn die Deutschen zu diesem Geist wieder finden, können sie auch wieder ihr Licht leuchten lassen im großen Regenbogen der Völker dieser Welt.

In der Suche nach dem geistig Wesenhaften können wir unseren Beitrag zu einem echten Multikulti leisten!

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