Sonntag, 30. September 2007

Die Gretchenfrage

"Wissenschaft vs. Gott" - unter diesem Titel berichtete Kathrin Meier-Rust darüber, wie Wissenschaftler zur Religion Stellung nehmen [1] - die alte Gretchenfrage also:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.[2]
Dem Biologen und Erfolgsautor Richard Dawkins (bekannt durch seinen Besteller "Das egoistische Gen"), der in jüngster Zeit gegen den "Gotteswahn" anschreibt (so sein jüngster Buchtitel), stellt Meier-Rust den Physiker und Mediziner Francis Collins gegenüber, der sich mit seinem soeben erschienen Buch "The Language of God" als Christ offenbart.

Der Glaube eines modernen Wissenschaftlers wie Collins sieht etwa so aus: Gott richtete es so ein, dass im "Urknall" eine Temperatur von 10^32 Kelvin und eine Dichte von 10^94 g/cm^3 herrschten. Denn nur so war es möglich, dass auf unserer schönen Erde einige Milliarden Jahre später die Menschen entstehen konnten. Dazwischen lagen endlos lange Zeiträume, in denen Sternsysteme entstanden und viele auch wieder verglühten. Darauf folgte die irdische Evolution, eine gnadenlose Zeit des Fressens und Gefressenwerdens, des "Survival of the Fittest". Auch dass diese Gesetze über Jahrmillionen herrschten und schliesslich der Mensch, der die Liebe und das Mitleid lernen sollte, als Sieger aus diesem brutalen Kampf hervorging, war anscheinend Gottes Wille.

Wenn wir in Collins' Denken bleiben, so hat Gott sich in all diesen Milliarden Jahren aus dem Weltgeschehen herausgehalten, er überliess alles den von ihm von langer Hand geplanten Gesetzen der Evolution. Erst vor zwei- oder dreitausend Jahren gefiel es ihm, wieder in diese Welt einzugreifen, die von ihm geschaffenen Gesetze einmal auszuhebeln, um Ankunft, Leben und Sterben seines Sohnes mit den gebührenden Wundern zu begleiten. Die Kirche verwaltet seitdem diese einmalige Offenbarung: Nach der Rückkehr seines Sohnes in den Himmel herrschen nämlich wieder die reinen, gottgeschaffenen Naturgesetze, die kurze Wunderperiode ist vorbei - bis zum nahe bevorstehenden Ende dieser Welt.

Diese Weltsicht - zugegeben etwas holzschnittartig herausgearbeitet - stellt in ihren Grundzügen einen als Deismus bekannten Glauben dar, der sich von der Position eines Ungläubigen nicht mehr besonders unterscheidet. Immerhin ist es der Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse in Einklang mit dem Glauben zu bringen. Das funktioniert natürlich nur, wenn man einen grossen Teil der Bibel, etwa den Schöpfungsbericht, als reinen Mythos betrachtet und die Zeugnisse der Fossilien höher einstuft als die Genesis. Gott wird zum Nischenwesen, man verlegt seine Existenz und sein Wirken auf genau die Perioden, die der Wissenschaft selbst noch unklar sind, etwa auf den "Urknall". Da wir uns gegenwärtig nicht in einer solchen Zeit befinden, ist dieser Gottesbegriff ein reiner Luxus. Er ist zur Erklärung der Welt nicht nötig. Die Welt läuft aus Sicht des Ungläubigen wie des Deisten nach denselben Gesetzen ab.

Der Deismus weist den reinen Naturalismus in seine Schranken, indem er Gott immer noch ein Plätzchen zugesteht - einen Ort, den er der reinen Naturgesetzlichkeit mühsam abgerungen hat. Es fehlt aber die wesentliche Botschaft des Glaubens - die spirituelle Dimension. Der Gott des Deisten ist ein kraftloses Wesen, er muss stets fürchten, von der nächsten wissenschaftlichen Erkenntnis auch von seiner letzten Zuflucht, dem "Urknall", noch vertrieben zu werden. Da nützt es auch nichts, sich zu sagen "Ja, aber wenn Gott nur wollte, dann könnte er jetzt auch noch Wunder wirken, das Leiden verhindern, die Neue Welt errichten, pp." Gegen ein solches Bekenntnis lässt sich natürlich nichts einwenden, aber es ist kraftlos. Den Deisten fehlt die Einsicht in die geheimnisvolle göttliche Natur aller Dinge, man wünscht ihnen als Gegenmittel eine ordentliche Prise Pantheismus! Schon Goethe prangerte die deistische Art des Glaubens an:
Was wär' ein Gott, der nur von aussen stiesse,
Im Kreis das All am Finger laufen liesse!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
so dass, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.
Es ist leicht, die oben beschriebene Form des Deismus, die als moderner christlicher Glaube daherkommt, als unvernünftig zu erkennen - und am Masstab der Vernunft soll sich ja auch der Glaube messen lassen, wie es nicht zuletzt Papst Benedikt in seiner bekannten und sehr lesenswerten Regensburger Rede forderte.[3] Verständlich, dass es dieser scheinbaren Synthese von Wissenschaft und Glaube an spiritueller Kraft mangelt und viele resigniert zur wörtlichen Auslegung der Bibel zurückkehren - was allerdings nicht weniger bedeutet als das sacrificium intellectus. Wir sollten dennoch nicht herablassend auf Menschen schauen, die diesen Schritt gehen. Sie versuchen, etwas Wesentliches festzuhalten - etwas, das verlorengeht, wenn man nur noch von Quarks, Nebelflecken, Eukaryonten, Selektionsvorteilen, dem Planckschen Wirkungsquantum und dergleichen schwatzt. Die Welt spricht noch auf einer anderen Ebene als der rein diskursiven, semantischen Ebene zu uns - sie spricht auch auf einer Ebene, die dem fühlenden, liebenden Wahrnehmen zugänglich ist. Astrologen wissen um die Zeichenhaftigkeit der Welt und haben eine Ahnung von dieser anderen, die dialektische Ebene transzendierenden Realität.

Aber: Wenn der Evolutions-Mythos der Deisten auch nicht stimmt - wie war es denn dann? Das ist eine Frage, auf die ich vorerst die Antwort schuldig bleiben muss! Eines ist mir klar: um diese Frage zu beantworten, ist ein tieferes, innigeres Wissen über die Natur notwendig als das, das durch äussere Betrachtung und rationales Schlussfolgern gewonnen werden kann. Es wird in Zukunft eine andere Methodik, ein anderes Forschen notwendig sein, um unser Weltverständnis um diese wichtigsten, bisher so sehr vernachlässigten Seiten der Wirklichkeit zu ergänzen.

Eine pragmatische Haltung scheint mir daher, mit der Frage zu leben. Lassen wir den Widerspruch mit der Wissenschaft vorläufig bestehen. Reissen wir uns los von der "rein diskursiven Ebene", indem wir mehr als die leider üblichen 0.001 Prozent unserer Aufmerksamkeit auf das Spirituelle lenken. Versuchen wir, uns als Bürger zweier Welten zu empfinden und vor allem der geistigen Welt, in der unser Wesen urständet, unsere erkennende Aufmerksamkeit zu schenken, denn dort haben wir die grössten Defizite. Das bedeutet auch, dass wir das Gespräch über Mikrotubuli, künstliche Intelligenz und den "Urknall" anderen überlassen. Vielleicht nicht das Schlimmste.



[1] Kathrin Meier-Rust: Wissenschaft vs. Gott, NZZ am Sonntag, 23.9.2007, S.77-78
[2] Johann Wolfgang Goethe, Faust I, 3415-3417.
[3] Benedikt XVI.: Nicht vernunftgemäss handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider, Rede vom 12.9.2006 an der Regensbuger Universität. http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html

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