Sonntag, 31. Juli 2016

Reise eines Plantikos nach Plantikow

Schon immer hatte es mich aus reiner Neugierde gereizt, mir einmal das kleine pommersche Dorf Plantikow anzusehen, das seit 1945 Błądkowo heißt und – wie der größere Teil Pommerns – heute zu Polen gehört. Wie mein Name nahelegt, stammen meine Vorfahren aus diesem Örtchen – mein Ur-Urgroßvater Plantikow wirkte hier als Pfarrer, genau so wie eine Reihe seiner Vorväter. Heute findet man Plantikows und Plantikos überall auf der Welt. In Deutschland listet telefonbuch.de sieben Plantikos und 66 Plantikows auf, die Zahlen können wir wohl mit einem Faktor drei oder vier multiplizieren (für nicht Verzeichnete und Familienangehörige).

Was ist Plantikow für ein Ort? Wie fühlt es sich an, als Nachfahre auf einem Boden zu stehen, auf dem schon Vorfahren vor Jahrhunderten wandelten? Gibt es einen genius loci – ein Fluidum, das dem Ort anhaftet und für das man sich empfänglich machen kann? Selbst dann, wenn die Bevölkerung mittlerweile vollständig ausgetauscht wurde und somit heute den polnischen Nationalcharakter atmet?

Um meine Neugierde zu stillen, machte ich mich in diesem Sommer auf zu einer Erkundung der Gegend.

Plantikow ist mit seinen knapp 200 Einwohnern etwas größer als ein Weiler, hat aber eine lange Geschichte und wurde urkundlich schon 1269 erwähnt. Das nächstgelegene Städtchen ist Daber (Dobra) mit immerhin schon über 2000 Einwohnern. Den Namen Daber trägt auch ein winziges Bächlein, das durch Plantikow fließt. Hier kann man es fließen sehen:

Plantikow wurde früher - wie in bäuerlichen Gegenden üblich - als Gut von einer Familiendynastie verwaltet, belegt ist seine Übergabe als Rittergut durch Kaiser Karl IV. (1316-1378) an den Grafen Ulrich von Dewitz (1323−1363). Die längste Zeit seiner Geschichte entstammten Plantikows Gutsherren ebendiesem Adelsgeschlecht der Dewitz.

Im Wikipedia-Artikel zu Pommern ist nachzulesen, dass es ursprünglich von westgermanischen Rugiern und Goten besiedelt wurde, im Zuge der Völkerwanderung rückten dann ab dem Ende des 5. Jahrhunderts auch slawische Stämme nach. Dänen, Polen und das Heilige Römische Reich kämpften um die Vorherrschaft über Pommern. Nach polnischer Unterwerfung durch Herzog Bolesław III. Schiefmund (1116-1121) und einem kurzen Gastspiel unter dänischer Herrschaft ging Pommern in der Schlacht bei Bornhöved (1227) endgültig an das Deutsche Reich über, dem es dann über sieben Jahrhunderte - bis 1945 - angehörte. Die Nachkriegsgeschichte ist bekannt: die in Pommern wohnenden Deutschen wurden vertrieben und durch Polen ausgetauscht, dies geschah auch unter Druck der Sowjetunion, die den ganzen polnischen Staat nach Westen verschob, um sich selbst nach Europa hin zu vergrößern.

Stettin ist die in der ganzen westpommerschen Region dominierende Stadt, was Einwohner und Wirtschaftskraft betrifft. Die klassische Definition zieht die Oder als Grenzfluß zwischen Vor- und Hinterpommern. Die polnische Grenze verläuft jedoch westlich von Stettin, so daß heute die gesamte Stadt der Wojwodschaft Westpommern zugerechnet wird, dem historischen Hinterpommern. Wenn man vom Westen kommend (z.B. Berlin) auf der A11 nach Osten Richtung Danzig fährt, überquert man bei Stettin die Grenze; ab dort wird diese Autobahn als A6 weitergeführt (immer noch die Europastraße E28), in Gollnow (Goleniów, 20'000 Ew.) spaltet sich diese einerseits in die S3, die nordwärts bis zur Insel Wolin am riesigen Stettiner Haff führt - da ist man bei Swinemünde schon fast wieder in Deutschland (westlich der Grenze kommt man dann zur Insel Usedom und nach Heringsdorf), und andererseits in die S6, die die Europastraße E28 dann über Köslin (Koszalin) bis nach Danzig weiterführt.

In der Anreisenacht verpasste ich die Abzweigung in Gollnow und fuhr weiter bis nach Wolin, wo mich (nachdem ich bei jeder Ausfahrt vergeblich nach "Nowogard" gespäht hatte) das viele Wasser um mich herum endlich davon überzeugte, dass ich mich verfahren haben musste. So kam ich eine Stunde später als geplant in Nowogard an und mußte den Portier des schönen und preisgünstigen Hotels Willa Zbyszko aus dem Bett klingeln. Er kam im Nachthemd und sehr verschlafen, aber freundlich heraus.

Die Stadt Naugard / Nowogard liegt an einem schönen See, eben dem "Jezioro Nowogardzkie", den ich in einer vielleicht einstündigen Wanderung umrundete.

Die Stadt selbst beeindruckt mit ihrer steil zum Himmel ragenden Marienkirche im gotischen Stil (erbaut im 14. Jahrhundert).

Nun aber ging es nach Plantikow!

Es ist eine Ansammlung einiger Häuser, hauptsächlich Bauernhöfe, die an der Straße von Ostrzyca nach Dobra liegt. Die Straße macht mitten in Plantikow einen Knick. An diesem Knick liegt der Dorfkern, gerade dort, wo die Dobra unter der Straße durchgeführt wird. Man findet einen kleinen Spielplatz und ein schön gepflegtes Blumenbeet,
vor allem aber die traurig stimmende Ruine der ehemaligen Dorfkirche, die von einem Storchennest geziert wird:
Auf einer kleinen Erinnerungstafel nahe der Kirche hat ein Geschichtsfreund einige uralte Ansichtskarten von Plantikow ausgestellt.

Auf dieser kann man sehen, wie die Kirche zu besseren Zeiten einmal ausgesehen hat:

Interessant ist auch diese hier, denn sie zeigt auch einen Dorfteich, von dem jedoch heute nichts mehr übrig ist:
Den Ortsausgang Richtung Dobra ziert dann wieder ein liebevoll geschmücktes Kruzifix:
An den Bauernhöfen prangt immer stolz ein Schild mit EU-Sternenkranz und einer polnischen Inschrift, auf dem folgenden Foto kann man es gerade noch erkennen. Es muß sich um EU-Gelder handeln, die im Rahmen eines Subventionsprogramms an die polnischen Landwirte verteilt werden. Die EU-Loyalität, die man sich aufgrund dieser Zahlungen erhofft, bleibt aber zurückhaltend. Die Polen haben ein gesundes Nationalgefühl und spüren, wenn es der nationalen Souveränität an den Kragen geht. Wer kann es ihnen verübeln, daß sie zu den Subventionen dennoch nicht Nein sagen.
Mein Vater wußte von einem nahe Plantikow gelegenen See - dem Plantikow-See. Der Dorfteich aus der Ansichtskarte wird es wohl nicht gewesen sein. Eine erste Umrundung des Dorfes brachte auch keine Ergebnisse. Überall nur Felder, die gerade gemäht wurden, und Weiden.
Natürlich gab es kleinere Gewässer, die aber niemals ein See gewesen sein können – wie dieses hier:
Vom Dorfkern aus ging allerdings nach Süden ein Waldstückchen aus, das aber von keiner Seite begehbar schien. Am Abend konsultierte ich Google Earth – und mitten in diesem offenbar nicht begehbaren Wald war tatsächlich etwas, das ein See sein könnte!
So machte ich mich am nächsten Tag noch einmal auf (unter den nachvollziehbar mißtrauischen Augen einiger Dorfbewohner, denen ich mich aber weder auf Deutsch noch auf Englisch verständlich machen konnte – und hätte ich es machen können, hätten sie mich vermutlich für irre gehalten), wanderte zuerst am Ortsausgang Richtung Dobra den südwärtigen Feldweg herunter und schlug mich dann ins Dickicht. Der Wald war wirklich unerschlossen, außer Tieren wird hier lange niemand durchgegangen sein. Die Mücken waren meine Begleiter, und ich mußte an ihren Gesang in Marguerite Lobecks Sommerspiel denken, deren Aufführung ich kürzlich wieder genießen durfte:
Wir Mücken entschweben
den Grüften und leben
in Lüften,
um uns zu entzücken
im Glanze der Sonne,
im Tanze voll Wonne.
Wir Mücken sind Geister,
erkoren vom Meister
um Toren, die überall Lücken
und Schwächen entdecken, zu stechen,
zu necken!
Immer mehr Libellen und Frösche zeigten mir, daß ich auf dem richtigen Weg zum Wasser war. Es mußte doch diesen See geben! Irgendwann stieß ich auf das Dobra-Bächlein und folgte ihm nordwärts. Der Himmel zog sich zu, es ging nun in den Abend hinein. Ein paar Tröpfchen kamen vom Himmel.

Schließlich stieß ich auf die Wasserflächen!

Der Wald gab eine erste kleine Lichtung frei, über die sich ein fast zugewachsener See erstreckte:

Während ich weiterwanderte, kam auch von oben mehr Nässe - als wären meine Rufe nach dem Wasser sehr gründlich erhört worden. Und da offenbarte sich schon ein zweiter See. Er enthielt noch mehr offene Wasserfläche als der erste.

Der Regen beharrte auf seinem Recht beachtet zu werden und erhöhte nun seine Intensität. Er wuchs sich zu einem dieser vollen, kräftigen Gewitterregen aus, mit denen wir in diesem Sommer oft beglückt werden. Es dauerte nicht lange, bis die Bäume des Waldes mich nicht mehr vor ihm schützten. Ich wurde komplett durchnäßt.

Als ich das Waldstück verließ, war es schon spät geworden. Die Sonne schickte sich an unterzugehen, und Błądkowo hatte ich nicht mehr in Sicht. Eilig trat ich den Rückweg ins Dorf an und beendete meinen Tagesausflug.

Ob es einen Plantikow-See gibt, ob ich wirklich den Fragmenten eines solchen Sees begegnet bin, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ein schönes, intensives Naturerlebnis war mein kleiner Waldgang allemal. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man bei ganz urtümlichen Stimmungen landet, sobald man sich auch nur ein bißchen von den ausgetretenen Wegen und den urbar gemachten, besiedelten und bewirtschafteten Gebieten entfernt.

Zur Eingangsfrage nach dem genius loci: ich habe nichts gespürt: keinen Hauch, kein Fluidum, keinen Schauer – nichts, was irgendwie einem Déjà-vu ähnlich war. Und eigentlich ist das auch klar: Die Ahnen haben mir den Boden bereitet, aber sie sind nicht mehr da. Was da ist, sind nur noch Überreste ihres Schaffens. So wie die Einwohner Plantikows nach dem Krieg flohen und die, die den Treck verpaßt hatten, vertrieben wurden, so haben auch die Ahnen die Form verlassen, in der sie gelebt und gewirkt haben. Auch ihre körperlichen Überreste, ihre Gebeine, ihr Staub oder was immer von ihnen übrig ist, sind ja verlassen: es wäre nichts an ihnen, das ein Déjà-vu-Erlebnis auslösen würde. Auf dem, was sie ihren Nachfahren weitergereicht haben, gründet meine Existenz. Das ist alles.

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