Mittwoch, 4. Dezember 2013

Sind kirchliche Sendschreiben der richtige Ort für wirtschaftspolitische Diskussionen?

Im päpstlichen Sendschreiben Evangelii Gaudium finden wir das in diesem Kontext überraschende Statement
Diese Wirtschaft tötet.

Der Satz "Wirtschaft tötet" ist ein Nonsense-Satz, ein Satz ohne innere Bedeutung. Was ist denn Wirtschaft? Wirtschaft ist alles, was Menschen unter Einsatz ihrer Fähigkeiten produzieren und mit anderen Menschen in Austausch bringen. Was soll es bedeuten, wenn man diese Tätigkeit als tödlich bezeichnet? Man könnte ebensogut sagen: Atmen tötet. Mensch zu sein, ist tödlich. Das Leben ist tödlich.

Um seine These zu verdeutlichen, stellt der Papst einen armen Menschen, der frierend auf der Strasse lebt und Dinge aus dem Müll wühlt, der Nachricht über den gestiegenen Börsenkurs eines Unternehmens gegenüber – so als gebe es hier einen Zusammenhang. Es wird suggeriert, der Erfolgreiche wäre nur dadurch, dass er Erfolg hat, am Misserfolg des anderen schuld.

Und was ist mit der Spezialisierung auf "diese Wirtschaft"? Wird der Satz dann geniessbarer? Den Beweis, dass des einen Reichtum des anderen Armut ist, wird dennoch niemand erbringen können. Tatsache ist das Gegenteil: Der Erfolgreiche, der am wealth of nations arbeitet, der Werte produziert, die anderen etwas wert sind, bringt die Gesellschaft weiter voran. Alle anderen zehren nur von diesen Produkten, drängen sich mit immer neuen, angeblich für alle unverzichtbar notwendigen Staatsaufgaben auf und verteilen nur den geschaffenen Reichtum.

Mit der Autorität des Papstes werden wir dagegen im Evangelii Gaudium wie folgt belehrt:

In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down Theorie), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten, wie auch auf die sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.
Inwiefern ist die Kirche eigentlich das für Wirtschaftsfragen kompetente soziale System? Muss man es glauben, wenn in einem solchen Schreiben eine bestimmte Theorie für unhaltbar oder unbewiesen erklärt wird? Oder wäre dies nicht eher ein Thema, das der Diskussion im sozialen System "Wirtschaftswissenschaften" richtig aufgehoben ist und nur dort wirklich kompetent diskutiert werden kann?

In diesem Fall erklärt der Papst eine auf Minimierung ihres eigenen Einflusses, auf Minimierung staatlicher Interventionen ausgelegte Wirtschaftspolitik für unannehmbar (das nämlich ist trickle-down) und ergreift somit Partei für die - nicht explizit genannte - Gegenthese: den Keynesianismus, die staatliche Geldschöpfung und Regulierung zur vermeintlichen "Lösung" sozialer Probleme.

Das päpstliche Sendschreiben stürzt diejenigen Gläubigen in ein tiefes Dilemma, denen arme Menschen zwar genauso leid tun wie den Keynesianern, die aber aufgrund nicht weniger ehrlichen Bemühens zur Ansicht kommen, dass staatlich organisierte Nächstenliebe eben keine ist, sondern nur eine Versuchung darstellt, sich an wirklich moralischen Aufgaben vorbeizustehlen und sich mit irdischen Götzen zu trösten. Anders gesagt: Der Papst nutzt seine spirituelle Autorität, um Menschen einen - verhängnisvollen - Kurs in ökonomischen Dingen zu suggerieren.

Arme wird es immer geben, sagt Jesus (Mt 26.11). Es ist eine grosse Versuchung, mich gegenüber der Armut, die mir konkret begegnet, blind zu machen, indem ich sie zu einem "strukturellen Problem" erkläre, dem mit politischen Mitteln zu begegnen sei. Eine sehr angenehme Lösung, dieses "Diese Wirtschaft tötet"! Man findet eine bequeme Zuflucht in der selbstgerechten Anklagepose. Diese Gesellschaft wird zur Ursache des Problems erklärt: Sie ist von Grund auf schlecht und muss reformiert oder gar revolutionär umgestaltet werden, bis das Problem mit der Armut aus der Welt geschafft ist.

Wie wird sie verbessert? Indem Vater Staat alles richtet. Der Arme, der mir begegnet, ist aber eigentlich ein Aufruf des Schicksals zur freiwillig erbrachten, wirklichen Nächstenliebe. Armut ist ein Thema, das in die Zuständigkeit unseres eigenen moralischen Kerns fällt. Es ist nur eine wohlfeile Schein-Antwort, Armut zu einem strukturellen Problem zu erklären und den Armen ans Sozialamt zu verweisen – wo er dann Geld bekommt, das anderen mit staatlichem Zwang abgenommen wird.

Wenn in unserer Gesellschaft etwas Profanes, Irdisches sakralisiert wird und den Status eines goldenen Kalbs bekommt, so ist das der Vater Staat. Nicht ein höheres Wesen wird mehr angebetet, sondern der Staat wird zum Heilsbringer erklärt, zum Spender der beseligenden Werte Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand und Gleichheit. Nach herrschender Ansicht wird der Staat uns all diese Gaben bescheren - vorausgesetzt nur die kleine Geste, dass wir bereit sind, vor ihm niederzufallen, ihn anzubeten und ihm Opfer zu bringen.

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