Samstag, 9. Januar 2010

Synchronizitäten

Vor einigen Jahren hielt der Astrologe Dieter Koch auf einer Konferenz in Zürich einen Vortrag über einen neuentdeckten Kentaurenplaneten: Der Kentaur Pholus war am 9. Januar 1992 von dem Astronomen David Rabinowitz entdeckt worden. Pholus hat mit einer Exzentrizität von 0.574 eine sehr stark elliptische Bahn. Während seines Vortrags stolperte Dieter Koch über einen auf dem Boden liegenden elliptischen eisernen Gegenstand. Der Ort der Konferenz war nämlich das ehemalige Atelier eines Künstlers, und bei dem Gegenstand handelte es sich um eine Skulptur - einen Eisenzylinder mit elliptischem Grundriss, die 1968/69 von einem New Yorker Künstler geschaffen war. Dieser Künstler hiess - David Rabinowitch! Also praktisch genau wie der Entdecker des Kentaurenplaneten, über den Koch vortrug!

Das ist ein typisches Beispiel für eine sogenannte "Synchronizität", wie derartige Phänomene seit der Schrift "Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge" [1] des Psychologen C. G. Jung allgemein benannt werden: Ereignisse aus ganz verschiedenen "Kausalsträngen" geraten für einen menschlichen Beobachter in eine inhaltliche, sinnhafte Beziehung, ohne selbst in einem kausalen Zusammenhang zu stehen. C. G. Jung war natürlich nicht der Entdecker solcher Phänomene und auch nicht der erste, der sie systematisch erforscht hat. Aber er hat den Namen geschaffen, unter dem dieses Phänomen fortan bezeichnet wurde. Und dies obwohl es kein besonders glücklicher Name ist, denn die Gleichzeitigkeit ist nicht gerade das Charakteristikum dieser Phänomene - Dieter Koch zeigt, dass der Name "Syntychie" eigentlich richtiger wäre (eine "Zusammenstimmung des Geschicks" also) und in diesem Sinn auch schon im Altertum verwendet wurde. Nach über fünfzig Jahren ist der Begriff "Synchronizität" aber bereits so eingebrannt, dass er praktisch nicht mehr änderbar ist.

An irgendein Arrangement zu glauben, wäre im obigem Beispiel aberwitzig: Die Organisatoren wussten sicher nicht, wie der Entdecker von Pholus hiess, und wenn, wäre es geradezu boshaft von ihnen gewesen, dem Referenten die Skulptur eines gleichnamigen Künstlers vor die Füsse zu legen. Vor allem: zu welchem Zweck sollten sie so etwas auch getan haben?

Synchronizitäten wie die oben erzählte sind so erstaunlich, dass sie zu irgendeiner Erklärung herausfordern: Wenn wir einen Knall hören, sind wir so lange beunruhigt, bis wir die Ursache des Knalls gefunden haben. Eine ähnliche Unruhe erfasst uns bei den Synchronizitäten. Aber eine Ursache im gewöhnlichen Sinn werden wir nicht finden, denn die Ereignisse sind ja gerade nicht durch einen gewöhnlichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung verbunden. Die typische Reaktion "Das ist doch bloss Zufall" erklärt leider auch nichts. Damit soll ja gesagt sein, dass Synchronizitäten dieser Art "immer" passieren, wenn man nur fleissig genug alles in Beziehung setzt. Aber wie sollte man so etwas wie die Seltenheit von Synchronizitäten überhaupt messen können? Wenn man dies aber nicht kann, welchen Sinn kann man dann der Aussage geben, Synchronizitäten seien bloss Zufall?

Dieter Koch hat sein Rabinowitz-Erlebnis zum Anlass genommen, sich genauer mit dem Phänomen zu befassen und 2008 darüber ein bemerkenswertes Buch veröffentlicht [2], in dem er bei einer genauen und logisch nachvollziehbaren Untersuchung des Phänomens zu seiner eigenen Erklärung gelangt. Er präsentiert und diskutiert auf erfrischend sachliche Weise verschiedene traditionelle Theorien - die "prästabilierte Harmonie" von Leibniz wird ebenso wie die Bhagavadgita erörtert, Plotin, Schopenhauer oder die Physiker Victor Mansfield und David Bohm.

Er wagt es, die mittlerweile so verbreitete psychologische Erklärung von C. G. Jung zu hinterfragen: Jung überstrapaziere die Fähigkeiten das menschlichen Unbewussten, wenn er es stets als Arrangeur der Synchronizitäten ansehe. Auch ist nicht zu erkennen, dass hinter den Synchronizitäten immer eine Art pädagogischer Zweck stehe, ein "schöpferisches verwandelndes Potential", wie es in Wikipedia zum Begriff Synchronizität heisst. Manche Synchronizitäten scheinen keinen solchen erzieherischen Zweck zu haben, sondern einfach nur um ihrer selbst willen aufzutreten. Oft sind sie sogar regelrecht humorvoll, reizen den Betrachter zum Lachen - Koch bezeichnet die Synchronizitäten mit dem Untertitel als "Lachen der Götter".

Wenn sie aber nicht psychologisch erklärbar sind, wie dann? Welche Erklärung sieht Koch selbst für die Synchronizitäten? Er nimmt den folgenden Satz C. G. Jungs zum Ausgangspunkt:
Hier geraten wir nun allerdings in die Versuchung, aus Ermangelung einer feststellbaren eine transzendentale Ursache anzunehmen. "Ursache" kann aber nur eine feststellbare Grösse sein. Eine "transzendentale" Ursache ist nämlich insofern eine contradictio in adiecto, als etwas Transzendentales per definitionem gar nicht festgestellt werden kann. [3]

Hier bemängelt Koch zu Recht, dass der Begriff der Ursache zu eng gefasst wird, nämlich nur im Sinne einer Zeit und Raum unterworfenen Wirkursache. Aber schon Aristoteles führte neben der Wirkursache drei weitere Ursachentypen auf, die zur Erklärung eines Phänomens in Frage kommen. Von daher ist eine transzendentale Ursache sehr wohl etwas Denkbares, das als sinnvolle Erklärung für das Phänomen der Synchronizität zu betrachten ist. Für Dieter Koch wird die transzendentale Ursache, der Stein, den der Psychologe verworfen hat, zum Eckstein seines eigenen Erklärungsmodells: Für ihn steckt hinter den Synchronizitäten "eine transzendente, anordnende Intelligenz" [4].

Die Synchronizitäten könnte man auch Assoziationen nennen - es werden Dinge miteinander in Beziehung gesetzt, manchmal nur aufgrund einer Äusserlichkeit, ein Name, eine Eigenschaft reicht schon, um die Beziehung zu bilden. Der Satz von Heraklit "Wie ein Kehrichthaufen, aufs geratewohl dahingeworfen, ist der schönste Kosmos", scheint mir in diesen Zusammenhang zu passen: In dem bunten Allerlei der Dinge dieser Welt stellen sich die seltsamen Querbezüge ein, die uns zum Staunen bringen. Eine Absicht ist oft nicht erkennbar. Aber der assoziative Charakter der Phänomene erinnert an einen anderen Vorgang: An das Denken. Unser Denken verläuft selbst in Assoziationen. Die Synchronizitäten tragen den Geschmack des Denkens. Was nun, wenn diese Synchronizitäten Hinweise auf die uralte Vorstellung sind, dass diese Welt selbst nur gedacht wird? So hart und wirklich sie uns erscheint, ist sie, uns selbst eingeschlossen, vielleicht nur der Vorstellungsinhalt eines höheren Wesens! Die Welt selbst - das wären dann die göttlichen Gedanken, während die Synchronizitäten gewissermasssen Neben- oder Abfallprodukte des göttlichen Denkens darstellen.

Diese Idee ist für mich stimmig und wird der Natur des Synchronizitätsphänomens wohl am ehesten gerecht, auch wenn sie für das moderne Denken ungewohnt ist. Statt irgendwo weit entfernt von Gott unser privates Süppchen kochen zu können, würden wir uns in Wirklichkeit an einem ganz intimen Ort Gottes befinden - in seinem Bewusstsein. Ein den Schriftstellern und Philosophen wohlvertrauter Gedanke, den Goethe mit folgendem Gedicht ausdrückte:
Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, sich in Natur zu hegen,
So dass, was in ihm lebt und webt und ist,
Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.
Diese Vorstellung selbst ist sehr alt, schon bei den Indern wurde sie aufgeschrieben, und sie erfährt wie alle guten Ideen in der Gegenwart materialistische Neuaflagen. So schrieb der Science-Fiction-Autor Galouye im Jahre 1964 einen - von keinem Geringeren als Rainer Werner Fassbinder verfilmten - Roman, in dem die ganze uns umgebende Welt als Teil eines grossen Computer-Simulationsprogramms namens Simulacron gesehen wird, das von höheren Intelligenzen zu Forschungszwecken gestartet wurde.[5] Eine ähnliche, beliebte Idee in Erzählungen ist es auch, die handelnden Personen bewusst werden zu lassen, dass sie vielleicht Teil eines Romans sein könnten.

Wenn Synchronizitäten also auf materieller und psychologischer Ebene nicht erklärbar sind und auch nicht immer die pädagogische Funktion haben, uns zur seelischen Ganzheit zu leiten, wie es C. G. Jung glaubte, so können sie jedenfalls als Aufwecker wirken, um uns in die Richtung eines idealistischen Philosophierens zu führen.


[1] Carl Gustav Jung: Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge (1952), in: C. G. Jung: Synchronizität, Akausalität und Okkultismus, dtv, Januar 2001.
[2] Dieter Koch: Synchronizitäten - Vom Lachen der Götter, Verlag der Häretischen Blätter, Frankfurt/Main 2008, http://www.lulu.com/content/hardcover-buch/synchronizit%C3%A4t/4448338.
[3] Jung, S. 34
[4] Koch, S. 47
[5] Daniel F. Galouye: Simulacron-3. Heyne, München 1983.

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