Mittwoch, 18. April 2012

Die Qualität des Ortes

Um ein Horoskop zu erstellen, müssen nicht nur eine Zeit, sondern auch ein Ort angegeben sein. Das Horoskop setzt die allgemeine Qualität des Zeitpunkts, die sich in den Konstellationen der Planeten ausdrückt, mit dem konkreten Erdort in Beziehung. Zu den Aspekten der Planeten untereinander und zur Zeichenstellung, der kosmischen Färbung des Planeten, kommt durch den Erdort die Stellung im Haus hinzu. Zum Ausdruck der planetarischen Wesenskräfte kommt durch die Hausstellung eine Richtung hinzu (in der Terminologie von Thomas Ring).

Das Horoskop bedeutet zwar die Qualität der Zeit, aber nicht die Qualität des konkreten Ortes. Der Ort wird im Horoskop nur als Bezugspunkt verwendet. Aufgrund der Erdrotation sind die kosmischen Konstellationen an jedem Erdort in einer anderen Phase des täglichen Himmelsumschwungs. Nur dies ist der Beitrag des Erdortes zum Horoskop. Der Astrologe fragt nach der Qualität der Zeit, und er spezialisiert: Wie stellt sich diese Zeitqualität an diesem konkreten Erdort dar?

Der Begriff der Zeitqualität ist das Kernthema der Astrologie, wie es C. G. Jung einmal formulierte:
Wir werden in einem vorausbestimmten Augenblick geboren, an einem vorausbestimmten Platz, und haben, wie der Jahrgang des Weines, die Qualität des Jahres und der Jahreszeit, in der wir zur Welt kamen. Nicht mehr und nicht weniger behauptet die Astrologie.[1]


Nur die Mundanastrologie versucht, auch die Qualität des konkretes Erdortes zu ermitteln und sie in der astrologischen Bildsprache auszudrücken. Wohl der älteste Versuch dieser Art ist im zweiten der vier Bücher des Ptolemäus über Astrologie zu finden. Dort ordnet er die Länder der damaligen Welt den Tierkreiszeichen zu. Dabei geht er nach einem Schema vor: Von einem Mittelpunkt in Kleinasien teilt er die Welt in vier Quadranten, die den vier Elementen entsprechen sollen:

Entsprechend der Einteilung des Tierkreises in vier Trigone teilen wir den Erdkreis in vier Quadranten. Zunächst ziehen wir eine Linie vom Mittelmeer durch die Säulen des Herkules, durch den Meerbusen von Issus und weiter gegen Osten durch den Gebirgsrücken Asiens. Diese Linie trennt die nördliche und die südliche Halbkugel. Die Trennung der westlichen von der östlichen Halbkugel erfolgt durch eine Linie, die wir durch den arabischen Meerbusen, das ägäische Meer und den mäotischen See [Asowsches Meer] ziehen.[2]


Westeuropa ist in dieser Sicht dem Feuerquadranten zugeordnet: Italien untersteht dem Löwen, Spanien dem Schützen, Deutschland und England dem Widder.[2]

Etwas konkreter werden die Städteaszendenten. Das sind Tierkreisgrade, die die Astrologen bestimmten Städten zuschreiben, ohne dass diese aus einem übergreifenden System abgeleitet wären – gewissermassen ein unsystematisches astrogeographisches Erfahrungswissen von Astrologen. In einem Baumgartner-Sonderdruck wurden diese Städteaszendenten gesammelt.[3]

Viele Astrologen haben diese Zuordnungen als zu grob und zu unvollständig empfunden, und haben sich auf die Suche nach einem allgemeineren System gemacht. Es gibt Versuche von Boulainvillier, Parsons und Sepharial, den Längengrad des Ortes in eine astrologische Länge, in einen Stand in einem Tierkreiszeichen, zu "übersetzen". Bei manchen Systemen fragt man sich allerdings, ob Gott ein Engländer war oder beim Bau von Greenwich mitwirkte[4]: So lässt Sepharial den Tierkreis mit 0° Widder bei 0° Länge, d.h. mit dem Meridian von Greenwich beginnen.

Wohl das umfassendste und ausgeklügeltste System der Astrogeographie wurde von Hans Jürgen Andersen (1922-2003) entwickelt. Nach Andersen hat jeder Planet seinen eigenen "Pol" auf der Erde. So wie man vom Erd-Nordpol aus die geographische Länge misst - die für ihn das MC eines Erdortes wird - so kann man auch jedes andere planetarische Zentrum zu einem Pol machen; die von diesem Pol aus gemessene Länge entsprecht der Tierkreisposition dieses Planeten. Trägt man zu einem gegebenen Ort alle so ermittelten Tierkreispositionen in eine Horoskopfigur ein, so ergibt sich das "Horoskop des Erdorts" - ein rein symbolisches Horoskop, das als astrologisches Sinnbild des Ortes zu betrachten ist.

Andersen begann wohl schon in den 60er Jahren, in dieser Richtung zu forschen. Seit der ersten Veröffentlichung seiner Ergebnisse [5] hat er an der Frage gearbeitet, wo genau die planetarischen Pole zu lokalisieren sind. In seinem letzten, 2003 erschienen Atlas, gibt es zwölf derartige Pole (zu den astrologischen Planeten Sonne, Mond, Merkur bis Pluto kommen noch die mythischen Planeten Mallona und Transpluto hinzu).

Da ich den Ansatz interessant finde und das Gefühl habe, dass an der Idee als solcher "etwas dran ist" - auch wenn sich über die Lage der Pole sicher streiten lässt - habe ich eine Online-Applikation erstellt, mit der man die Andersen-Entsprechungen berechnen und veranschaulichen kann.

In der Kombination mit Google Maps ist das gesamte Kartenmaterial des Astrogeographie-Atlas von 2003 auf einer Webseite abrufbar. Die geographischen Informationen gehen sogar weit über den Atlas hinaus. Man kann in beliebige Tiefe "zoomen" und nach konkreten Adressen suchen (Geocoding):

http://www.astrotexte.ch/astrogeo/

Wenn ich z.B. in der "Ortssuche" New York eingebe und den Treffer auswähle, wird mir das Ortshoroskop von New York nach Andersen angezeigt. Mit Sonne Konjunktion Uranus im Widder in elf und Merkur Konjunktion Pluto in den Zwillingen am Aszendenten passt es gar nicht schlecht zum kräftigen Freiheitsimpuls und zum erfolgreichen Handelsgeist, für den die USA und in ihrer Essenz die Stadt New York stehen. Nur ein Beispiel.

Hier öffnet sich ein weites Forschungsfeld - denn man kann nun die Erdqualität auch mit der Zeitqualität in Beziehung setzen. Es wäre zu erwarten, dass besondere Ereignisse in der Geschichte einer Stadt mit besonderen "Transiten" einhergehen, also Verbindungen der laufenden Planeten mit dem symbolischen Ortshoroskop.


[1] aus: C. G. Jung, Naturerklärung und Psyche, zitiert aus Bernd A. Mertz, Also sprachen für die Astrologie, Wettswil 1995, S. 58.
[2] Ptolemäus, Tetrabiblos, übersetzt von W. Mathiessen, Verlag Couvreur, Den Haag, o.J.
[3] Baumgartner, Städte-Aszendenten, Baumgartner-Verlag, Warpke o.J.
[4] Michael Baigent, Nicholas Campion, Charles Harvey: Mundan-Astrologie, Wettswill 1989, S. 249 f.
[5] Hans Jürgen Andersen, Astrogeographie und Geschichte, Ebertin-Verlag, Aalen 1974.
[6] Hans Jürgen Andersen, Astrogeographie-Atlas, Andersen-Verlag, Gevelsberg 2003.

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