Sonntag, 8. Januar 2012

Savonarola - sein Horoskop und seine Direktionen

Girolamo Savonarola (1452-1498) war ein Dominikanermönch, der inmitten der florentinischen Prachtentfaltung der Renaissance eine Abkehr von allen weltlichen Eitelkeiten predigte - und damit für einige Jahre grossen Erfolg hatte. Bekannt ist sein Feuer der Eitelkeiten - ein Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoria in Florenz, auf dem viele bussfertige Bürger Symbole ihres weltlichen Lebenswandels verbrannten - darunter Frauengemälde, Parfüms, Salben, Puder, Spiegel, Perücken, Spielkarten, Würfel, Liederbücher, Musikinstrumente, Masken und andere Karnevalsutensilien, Bücher mit teilweise anstössigem Inhalt und dergleichen.[1] Bedauerlicherweise warf sogar Sandro Botticelli einige seiner Bilder in die Flammen. Und doch war das Feuer der Eitelkeiten nur ein Vorspiel zu einem anderen Feuer - zu Savonarolas Verbrennung als "Ketzer", die am 23. Mai 1498 am selben Ort durchgeführt wurde.

In der Monatsschrift Die Astrologie vom November 1932 befasste sich A. Schoeler mit dem Horoskop dieses Busspredigers, wobei er einige biographische Daten aus Savonarolas Leben mit den Primärdirektionen in Beziehung setzte.[2]

Die Geburtsdaten hatte Schoeler dem Liber de exemplis centum geniturarum von Hieronymus Cardanus entnommen.[3] Die Gestirnstände hatte er sich von Karl Weidner auf Basis dieser Daten nachrechnen lassen. Wie in solchen Fällen zu erwarten, musste er natürlich Abweichungen in den Positionsangaben zum Original feststellen. Wenn man mit einer modernen Ephemeride nachrechnet, erweisen sich - das ist ebenso natürlich - auch Weidners Angaben als fehlerhaft, wenn auch nur im Bogenminutenbereich. Beispielsweise steht der Mond richtig auf 16°44' Steinbock und nicht auf 16°50' wie bei Weidner. Immerhin stimmt der Mondstand auf ein Grad, der Aszendent auf zwei Grad mit der Angabe von Cardanus überein, so dass sich wenigstens keine Fehler bei der Datumsangabe eingeschlichen haben. Um Weidners Aszendenten zu reproduzieren, muss man die Weltzeit 16h42m45s am 21.9.1452 für Ferrara (44°50′ N, 11°37′ O) zugrundelegen (auch hier wieder eine beachtliche Abweichung zur Polhöhe 45°16', wie sie Cardanus angab - sie entspräche eher dem ca. 60 km nördlich von Ferrara gelegenen Ort Este, was allen bekannten Dokumenten über seinen Geburtsort widerspricht).



In der Figur sticht der Horoskopherrscher Mars ins Auge, in seinem Zeichen und im ersten Horoskophaus stehend. Er empfängt eine scharfe Opposition zum Saturn und ein Quadrat zum Mond im Steinbock im zehnten Haus. Dieses T-Quadrat von Mars, Saturn und Mond ist die Grundfigur seines Horokops. Die Willenskraft und Energie aus dem ersten Feld heizt hier das Saturn/Waage-Thema an, während der Mond im kühlen Steinbock die Freude an der Begrenzung, am Verzicht, an der Armut lehrt. Der Saturn in der Waage kann zwar, durch seine Stellung im "Du"-Haus, im Haus des öffentlichen Kontrahenten, mit den ihn bekämpfenden Exponenten der Kirche in Verbindung gesehen werden. Andererseits ist er auch eine Kraft in Savonarolas Wesen - das Predigen gegen den Luxus und die Annehmlichkeiten der "herrschenden Klasse" ist sicher verbunden mit einer tiefen Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Frieden und Harmonie. Die Konjunktion des Saturn mit Merkur bringt eine geistige Vertiefung, die Konzentration auf das Wesentliche. Der Komplex steht - was schon Cardanus anmerkte - bei dem Fixstern Spica, der einen jungfrauhaft-kühlen, aber zugleich kämpferischen Einschlag geben soll. Baumgartner assoziiert das Bild der "Jungfrau von Orleans". Konjunktionen der Spica mit Merkur werden laut Baumgartner häufig mit einer besonderen Redegabe verbunden, für die Konjunktion Spica / Saturn weiss die Tradition: "Häretiker"! Das passt nicht schlecht, lautete doch das Urteil gegen Savonarola auf Häresie. Im weiteren Sinne kann schliesslich auch als Häretiker bezeichnet werden, wer eine gewohnte Lebensweise oder eingeschliffene soziale Strukturen angreift.[4]

Hören wir Schoelers Deutung:

Das ist die Figur eines energiegeladenen Herrenmenschen, der unbeugsam seinen Willen durchsetzt! Der Herr des Aszendenten, Mars, im eigenen Zeichen in Widder stehend, sechs Planeten über dem Horizont, fünf Planeten in positiven Zeichen und fünf Planeten in Eckhäusern: diese Konfiguration zeigt ohne weiteres einen Mann, der sich durch niemand und nichts hindern lässt, eine einmal als richtig erkannte Meinung gegen eine Welt von Feinden durchzufechten, und seien diese Feinde auch die vorgesetzte Kirchenbehörde oder sogar der Papst selbst. Dies ist der eifernde Zelot, welcher gegen jeden Übelstand und die Sittenlosigkeit der Zeit mit der Waffe der faszinierenden Rede zu Felde zieht! Gross wurde seine Macht und seine Wirksamkeit, denn der wachsende Mond im Steinbock und in der Himmelsmitte gab ihm eine einflussreiche Position. Die vielen Planeten im 7. Hause zeigen auch klar das Hervortreten seiner Person in der Öffentlichkeit und seine politische Tätigkeit, die weit über die Mauern des Florentiner Klosters San Marco ins Land hinaus reichte.

Aber auch die Selbstüberschätzung zeigen die Sterne; denn Mars im ersten Hause steht mit Saturn im siebenten Hause in scharfer Opposition. Und zu diesen beiden Planeten bildet der Mond im zehnten Hause noch Quadraturen. So gelang ihm denn auch nicht sein Plan, den Papst Alexander VI. zu stürzen. Im Gegenteil: Das Schicksal erreichte ihn selbst, als er öffentlich im Jahre 1498 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Schoeler listet nun einige Lebensereignisse Savonarolas auf und bringt sie in Verbindung mit den Primärdirektionen. Wie zu jener Zeit allgemein üblich, verwendet er die Halbbogenmethode zum Dirigieren und setzt ein Grad des Direktionsbogens einem Jahr gleich. Seine Direktionen kann man mit der Webanwendung primaries.jsp nachrechnen.

  1. Eintritt in das Kloster der Dominikaner am 25.4.1475
    Für dieses Ereignis bringt Schoeler, durchaus passend, die Direktion Sonne Opposition Jupiter convers, die allerdings bereits ein Jahr früher fällig wurde (12.4.1474).

  2. Savonarola wird Prior des Klosters San Marco im Jahre 1490
    MC Trigon Sonne direkt wurde am 1.12.1490 fällig. Wenig später wurde Savonarola als Kanzelredner berühmt (Mond Konjunktion Jupiter direkt Anfang 1492).

  3. Savonarolas politische Tätigkeit beginnt im Jahre 1494
    Schoeler führt für dieses, nur mit vager Jahresangabe versehene Datum die Direktion Mond Sextil Sonne convers auf, fällig am 27.5.1495. Auch Aszendent Trigon Sonne direkt (18.6.1493) und Mond Sextil MC direkt (6.12.1494) passen hierher.

  4. Höhepunkt seiner Macht 1496/97
    Schoeler nennt in diesem Zusammenhang die Direktion MC Konjunktion Venus convers, fällig am 18.2.1496.

  5. Bann des Papstes am 12.5.1497
    Nach Schoeler in Zusammenhang mit Glückspunkt Opposition Jupiter direkt zu sehen, eine Direktion, die recht genau zu diesem Zeitpunkt fällig wird. Am Himmel standen aber auch Mond Anderthalbquadrat Saturn direkt (1.8.1497) und Mond Anderhtalbquadrat Mars (1.8.1497).

  6. Trotz des Verbotes betritt Savonarola wieder die Kanzel am 11.2.1498
    Auch hier hat Schoeler wieder eine Direktion mit dem Glückspunkt als Signifikator: Glückspunkt Quadrat Jupiter convers. Man kann aber auch Mond Halbquadrat Mars direkt (20.4.1498) und Mond Halbquadrat Saturn convers (8.4.1498) in diesem Zusammenhang sehen.

  7. Tod durch Verbrennen am 23.5.1498
    Hier gibt Schoeler Aszendent Quadrat Mars convers an - eine Direktion, die von der Tradition sehr gut passt und bei ihm eine Abweichung von nur einer Woche zum Ereignis ergibt. (In Wirklichkeit fällt sie auf den 20.8.1498.) Eine Rektifikation der Geburtszeit, um diese Direktion passend zu machen, kann ausgeschlossen werden, da Cardanus den Mars fälschlich auf 13° Steinbock statt im Widder plaziert hat (und auch im Text erwähnt, der Mars stünde in dieser Figur im zehnten Haus).

Das Geheimnis liegt hier - wie auch sonst bei Direktionslisten - in der richtigen Auswahl der zu berücksichtigenden Direktionen. Es gibt eine Reihe weiterer Direktionen in diesen zwanzig betrachteten Lebensjahren, auch "starke" Direktionen, die man hätte in Betracht ziehen können. Aber sie sind nicht so gut in der Hauptstruktur des Horoskops, dem T-Quadrat von Mars, Mond und Saturn verankert wie die hier verwendeten. Darüberhinaus zeigt die Nachrechnung, dass es auch hier wieder einen beachtlichen Orbis gibt. Auch wenn sie auf den Tag genau berechnet werden kann, kann eine Primärdirektion durchaus erst ein Jahr vor oder nach ihrer exakten Fälligkeit wirksam werden. Dies weiss auch Schoeler:
Im allgemeinen aber ist zu sagen, dass überhaupt für die Direktion ein Umkreis zugestanden werden muss, der aber 1° nicht überschreiten soll. Dieser Umkreis für primäre Direktionen ist dadurch zu erklären, dass innerhalb eines Jahres Transite und eventuell auch Sekundärdirektionen ein Ereignis verzögern oder beschleunigen können. Immer aber wird ein wichtiges Ereignis durch eine primäre Direktion angezeigt.
Ferner ist eine gewisse Differenz dadurch möglich, dass mit einem gegebenen Datum nicht das eigentliche Ereignis bestimmt wird. Im vorliegenden Fall ist es sehr wohl möglich, dass die Zeit des Noviziats nicht so wichtig war wie der endgültige Eintritt ins Kloster.

Zu diesen Problemen kommen theoretische Fragen hinzu. Einmal eingestanden, dass die auch von Schoeler favorisierte Halbbogenmethode ohne Berücksichtigung eklitpikaler Breiten und mit dem Ptolemäusschlüssel für die Umrechnung in Lebenszeit das richtige Vorgehen ist, ist auch die Frage nach der Projektionsart auf die Ekliptik offen: Sollen die Gestirne, wenn sie nicht auf der Ekliptik stehen, vertikal auf diese projiziert werden, wie es die Astronomen und ihnen gleich die meisten Astrologen tun - oder sollte diese Projektion nicht richtiger längs ihrer mundanen Positionslinien erfolgen? Auch dadurch ergeben sich Abweichungen in den Auslösungen, die gut bei einem Jahr liegen können. Im Bewusstsein all dieser Unsicherheiten kommt es zu dem verhältnismässig grossen Umkreis der Primärdirektionen, der durch Hinzunahme anderer Methoden (Transite und wiederkehrende Konstellationen) weiter eingegrenzt werden kann.

[1] Ernst Piper: Savonarola, Prophet der Diktatur Gottes, Norderstedt 2009.
[2] Dr. A. Schoeler: Girolamo Savonarola, sein Horoskop und seine Direktionen. Die Astrologie, November 1932, S. 226-233.
[3] Hieronymus Cardanus, Liber de exemplis centum geniturarum, Online unter http://www.cardano.unimi.it/testi/operaomnia/vol_5_s_7.pdf, dort das Savonarola-Horoskop auf Seite 490.
[4] Baumgartner, Fixsterne und ihre Deutung in der Geburts-Astrologie, Sonderdruck 11 der Astrologischen Universal-Harmonien, Warpke/Billerbeck o.J. Spica ist dort Fixstern Nr. 49.

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