Mittwoch, 20. April 2011

Das Geschenk der Freiheit

Dreissig Speichen umgeben eine Nabe.
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
LaoTse


Die Welt, in der wir leben, ist eigentlich eine doppelte. Neben der gewordenen, um uns sichtbaren, fertig gestalteten Welt ist da immer auch die noch unsichtbare, werdende, sich gerade ins Sein schickende Welt, eine Welt der Möglichkeit, die von einer zarten Morgenröte umgeben ist. Sie ist eben gerade nicht vorhanden, so wie etwa ein Tisch vorhanden ist, und doch ist sie spürbar, ist sie die eigentliche Essenz des Seins. Wenn der Gnostiker Valentinus sagt, dass ein erstes Götterpaar des Urgrundes (bythos) und des Schweigens (sige) die Welt ins Sein brachte, geht das in die gleiche Richtung: Der Urgrund trägt den Stoff bei, aber erst in der Spannung, die er mit dem Schweigen bildet – mit dem, das eben kein Stoff, kein Inhalt, keine Aussage ist - entzündet sich die Welt. Darin liegt das Geheimnis der "schöpferischen Pause".

Die Freiheit ist ein solches Nichts im Sinne von LaoTse. Jemand, der die Freiheit hat, bekommt zwar alle Möglichkeiten der Gestaltung, ist aber gerade aufgrund dieser Freiheit auf nichts festgelegt. Im Fehlen des Festgelegten liegt die Freiheit. Insofern ist Freiheit ein negativer Wert, da sie nicht konkret ausgefüllt werden kann.

Für die Freiheit lässt sich daher nicht gut Werbung machen, sie macht keine konkreten Versprechungen. In den Freiheitsrechten geht es um den freien, unbestimmten Raum, der geschützt werden muss vor den Machtansprüchen anderer, damit Individuen sich ihren Freiraum nach ihrem eigenen Gutdünken gestalten, ihr individuelles Streben nach Glück (Richard Cumberland/John Locke) verwirklichen können. Für einen leeren Raum ist eben schwierig Werbung zu machen.

Einfacher haben es da die Feinde der Freiheit, die die weissen Wände mit verlockenden Versprechungen bemalen. Wie einfach könnte euer Leben sein, seht hier diese klare und einfache Rechtleitung, euren Plan für den Seelenfrieden, die Einladung in die beste Gemeinschaft, die Einladung zum Paradies: Der kleine Preis für all diese konkreten Herrlichkeiten wurde von einer - in schlechtem Ruf stehenden - biblischen Figur genannt: dass ihr "niederfallen und euch unterwerfen" müsst (vgl. Mt. 4,9).

Ohne Frage: Die Versuchung, diesen "kleinen Preis" zu bezahlen ist gross. Auch deshalb, weil die Freiheit furchterregend und anstrengend ist. Die Gefühle, die uns von der Freiheit Abstand nehmen lassen, sind vornehmlich Furcht und Faulheit. Furcht nicht nur vor der Gewalt, mit der die Feinde der Freiheit uns ihre Alternativen aufdrängen, sondern vor allem die Furcht vor der Freiheit selbst, eine Art horror vacui vor der mit dem Wahrnehmen der Freiheit verbundenen transzendentalen Obdachlosigkeit (Georg Lukács). Wer die Freiheit annimmt, wird einsam, denn er begibt sich der Geborgenheit einer Gemeinschaft oder geschlossenen Ideologie. Ein bisschen wird man darin dem Lehrer ähnlich, der sagte: Die Füchse haben Höhlen, die Vögel des Himmels haben Nester; aber der Sohn des Menschen hat keinen Ort, wo er sein Haupt niederlegen kann (Mt 8,20). Wieviel bequemer und einfacher ist es da, auf dem Pfad der Unfreiheit zu wandeln, sich seine Wege und Werte vorgeben zu lassen, die anstrengende kontinuierliche Bemühung um die Freiheit aufzugeben – und von Tag zu Tage zu leben wie der letzte Mensch: Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit (Nietzsche).

Über diese Dinge hinaus, die allein schon der Freiheit eine ungeheure Bedeutung und Würde geben, hat die Freiheit auch eine beachtliche religiöse Tiefendimension. Die Freiheit ist der einzige Reim, den ich mir mit meinem beschränkten Verstand auf das Theodizee-Problem machen kann, also auf die Frage, warum Gott nicht machtvoll eingreift, um unsere Geschichte zum Besseren zu korrigieren, wenn er doch allmächtig ist – salopp gesagt: warum er das Erdbeben von Lissabon oder Auschwitz zugelassen hat. Wenn Gott solche Ungeheuerlichkeiten zulässt, ohne einzugreifen, muss ein solches Nichteingreifen um eines unendlich Kostbareren willen geschehen. Dieses unendlich Kostbarere kann nur das Geschenk der Freiheit sein: weil nämlich die Freiheit der einzige Wert ist, der durch eine machtvolle göttliche Intervention bis in seine Grundfesten vernichtet würde.

Es ist derselbe Grund, warum Gott nicht als mächtiger König in die Welt kommt – stattdessen lässt er sich von den Menschen wie ein Verbrecher kreuzigen, und nur zum Hohn bekommt er am Kreuz den Königstitel. Deswegen irren die, die in Reichtum und Macht ein Zeichen von Gottgefälligkeit sehen, so wie sie umgekehrt in Leid und Katastrophen Strafen Gottes sehen wollen. Naturgewalten, selbst die Widerfahrnisse eines persönlichen Schicksals sind oft genug blind gegenüber den Individualitäten, die durch sie zum Opfer werden. So kann sich göttliche Führung doch nicht äussern!

Wie ich schon im Blog Zufall und Notwendigkeit angedeutet hatte, ist das Geheimnis der Freiheit mit der Existenz echten Zufalls verknüpft. Dass echter Zufall existiert, also Ereignisse, die sich prinzipiell nicht vorhersagen lassen, selbst bei theoretisch noch so genauer Kenntnis der Umstände, ist in der Quantenmechanik eine gesicherte Erkenntnis. Der radioaktive Zerfall eines Teilchens ist von dieser Art: Man kann grundsätzlich nicht sagen, zu welchem Zeitpunkt ein konkretes strahlendes Teilchen zerfallen wird, auch nicht in einer perfektionierten Physik der Zukunft, die alle uns noch "verborgenen Parameter" des Vorgangs kennt. Die Dualität von Zufall und Notwendigkeit, in die unsere Welt zerfällt, korrespondiert mit den am Anfang dieses Blogs beschriebenen zwei Welten: Die gewordene Welt entspricht dem Reich der Notwendigkeit – die Welt des Werdens dagegen ist sinngemäss dem Reich des Zufalls oder besser: dem Reich der Freiheit zuzuordnen. Das Schöpferische als spontane Realisierung der Freiheit ist ebensowenig vorhersehbar wie der Zerfall eines Radium-Atoms. Die Freiheit ist von ähnlicher Natur wie der Zufall: Ein Nichtsein, das unvermutet und spontan in die Wirklichkeit überspringen kann. Kreativität ist ein spontanes Ereignis wie der Lichtbogen, der plötzlich aufflammend das Nichts zwischen den Polen überbrückt.

Ein Ort, in dem sich die Kreativität als spontanes Verwirklichen der Freiheit in besonders herausragender Weise manifestieren kann, ist das Gespräch. Das wache Gespräch, das in Rede und Gegenrede versucht, die Wahrheit zu umkreisen: fair, ohne zu monologisieren, ohne zu belehren, ohne zu moralisieren, in jedem Moment auf das völlig Neue eingestellt, auf das neue Argument, den neuen Gesichtspunkt, stets - mit dem Gegenüber - bemüht, in wacher Aufmerksamkeit das Richtige zu erkennen. Das ist der kostbarste Gipfelpunkt der Freiheit, es ist der Moment, in dem wir uns in besonderem Masse als lebendige Wesen spüren und verwirklichen können.

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