Freitag, 13. März 2009

Was wir vom Weltschicksalsjahr lernen können

Heuer jährt sich das "Weltschicksalsjahr 1959" des Astrologen Edmund H. Troinski zum 50. Mal. Wenn auch kein Grund zum Feiern (oder doch - der vorhergesagte atomar geführte Dritte Weltkrieg blieb ja immerhin aus), so doch ein Grund zum Gedenken, was wir Astrologen an diesem Mann hatten und was wir von ihm lernen können. Es ist leicht und billig, im Nachhinein den Prognostiker mit Häme zu übergiessen. Gräfin Wassilko sparte in der Kritik-Sparte der Zeitschrift Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie vom Jänner 1960 zwar nicht mit harschen Worten, teilte aber auch nicht so fest aus, wie sie es bei anderer Gelegenheit auch schon getan hatte (wenn es etwa um W. A. Koch ging):

Jahrelang bekamen wir Panikprognosen zugestellt, die auf den verschiedenfarbigsten Zetteln und auf massenhaften Briefbögen eine sich drohend annähernde tertiäre Mars-Sonne-Konjunktion, dazu noch neben dem Teufelsfixstern (!) Algol zeigte. Die Überschriften übertrafen einander an Grausigkeit, so dass man nur staunen konnte, dass derartiges erscheinen durfte. Z.B.: "Der Anfang vom Ende. — Die englische Tragödie. — Deutschland 1933 - Russland 1959. — Weltschicksalsjahr 1959 — Pulverfass 1959. — Es gibt Krieg im Jahre 1959. — Gewaltige Zuspitzung des kalten Krieges um Berlin und beide Teile Deutschlands im Sommer 1959. — Militärische Auseinandersetzungen in der Berlinfrage im Sommer und Herbst 1959. — Berlinkonflikt im Herbst 1959 auf dem Höhepunkt. — Die Blutkonjunktion (!) an der Spitze des IV. Feldes am 31. Oktober 1959 für Berlin. — Staatsverbrechen drohen. — Erste Mars-Sonne-Algol-Konjunktion seit dem Jahre 1917 führt geradeaus in die Greuel des dritten Weltkrieges.-"

Und was kam? Ein anderer Zettel: "In dieser Minute hat die sowjetische Weltraumrakete den Erdmond getroffen. Der riesenhafte Aufstieg der Sowjetrussen ist von mir im 'Weltschicksjahr 1959' vorausgesagt worden. — 13. September 1959, 22h03m. E.H. Troinski."
[1]

Vielleicht meinte die Gräfin, hier spricht diese blosse Gegenüberstellung ohne viele weitere Worte durch sich selbst. Sie offenbart natürlich etwa Tragisches an diesem Mann, das er aber mit vielen anderen aus unserer Zunft teilt: Die Immunisierung gegenüber Misserfolgen, die zu einem allmählichen Realitätsverlust führen kann. Astrologen laufen immer Gefahr, sich in ein Gebäude einzuspinnen und die Bodenhaftung zu verlieren, blind zu werden gegenüber den eigenen Fehlern oder, noch schlimmer, aus den Fehlprognosen wie aus dem enthaupteten Hydraleib gleich drei neue Köpfe wachsen zu lassen: "So ist es nicht gekommen, weil ich die Konstellation XYZ übersehen hatte. Wenn ich diese natürlich berücksichtige, wie man es tun muss, dann sehe ich für die unmittelbare Zukunft..."

Aber dennoch sind Spott und Häme nicht angebracht. Das muss damals auch Gräfin Wassilko gemerkt haben. In der Fortsetzung ihrer Kritik warf sie ihm zwar — und dies nicht zu Unrecht — vor, dass er lärmend die Reklametrommel schlägt, was ein echter Wissenschaftler, für den er sich ja hielte, niemals machen würde. Aber sie erwähnt voller Respekt seinen enormen Fleiss. Eigentlich hält sie ihn für fehlgeleitet und scheint mir in diesem Fall eher traurig als zornig zu sein, da Troinskis Energien auf dem Felde der von ihm ersonnenen (oder gefundenen?) Tertiärdirektionen verpufften, deren masslose Überbewertung ihn für die Astrologie zum verlorenen Sohn machte.

Wenn man sich heute ein Werk wie die "1001 weltpolitischen Horoskope" von Troinski [2] anschaut, irritiert zunächst — wie bei allen Werken Troinskis — sein Erfindungsreichtum auf dem Gebiete der Hervorhebung von Sätzen oder Satzteilen. Da wird mit g e s p e r r t e r und fettgedruckter Schrift gearbeitet und natürlich d e r e n K o m b i n a t i o n. Damit nicht genug, werden Sätze am Rand angekreuzt, mit Pfeilen oder fetten Ausrufezeichen versehen, ganze Absätze eingerahmt, die Planetensymbole in geradezu grotesker Grösse ins Horoskop eingezeichnet, u.v.a.m. Ein Deutschlehrer würde bemängeln, dass der Autor offenbar den natürlichen Hervorhebungsmöglichkeiten der Sprache misstraut. Und wenn es so war? 1955 war eine andere Zeit, die Menschen waren noch kurz zuvor mit verlogener Propaganda regelrecht bombardiert worden. Und zeigte nicht die Reklame, dass man schreien muss, um in dieser Zivilisation überhaupt noch Gehör zu finden?

Es kommt etwas anderes hinzu. Das Buch enthält wirklich 1001 vollständig berechnete historische Horoskope, es blickt bis in die Anfänge der Römerzeit zurück (das älteste Horoskop der Sammlung ist der Widderingress des Jahres 753 v. Chr. für Rom). Wer jemals mit den Ahnertschen oder wie Troinski mit den Schochschen Planetentafeln von Hand ein Horoskop berechnet hat, weiss, welche ungeheure Arbeit es bedeutet, hunderte von Horoskopen auf diese Weise zu berechnen. Die Idee, die ihn dazu trieb, diese Arbeit auf sich zu nehmen, kommt noch heute bei der Lektüre herüber und wirkt anregend, bei aller Hinfälligkeit seiner Einzelresultate: Der grosse Versuch, astrologische Muster im Weltgeschehen aufzuspüren - wiederkehrende Ereignisse von ähnlicher Qualität auch von ähnlichen Konstellationen begleitet zu sehen. Und daraus, natürlich, nach langem, fleissigem Studium auch ein paar vorsichtige Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen - bei aller Gründlichkeit seiner Werke war Troinski in diesem letzten Punkt zu rasch. Dennoch beeindruckt der frische Forschergeist, der bereit ist, auch auf unkonventionellen Bahnen nach Zusammenhängen zu suchen, immer bereit, unbefangen aus dem astrohistorischen Material verallgemeinernde Lehren und Regeln zu ziehen. Es ist dieser rastlos voranschreitende Geist, der allen Astrologen nur gewünscht werden kann und der unserer Kunst die uranische Qualität gibt. Insbesondere bleibt die Suche nach solchen sich wiederholenden kosmischen Analogien, nach Mustern, selbst immer ein Muster unserer astrologischen Tätigkeit.

Eine gewisse Ähnlichkeit gibt es zur Weltharmonik Keplers. Wenn auch die ursprüngliche Darlegung im Mysterium Cosmographicum ebenso falsch ist wie die spätere Ausformung in der Harmonice mundi und auch in modifizierter Form vermutlich nicht signifikant wird (auch wenn Hartmut Warm [3] einen neuen Beweis für Keplers Weltharmonik vorzulegen glaubte), so bleibt doch die Idee, die ihn vorantrieb, das Überdauernde: Nicht auf die konkreten Resultate kommt es an, sondern auf den Geist, aus dem sie entstanden sind. Bei Kepler war dies der unbedingte Glaube an eine harmonische Formung der Welt, also an die Realität der Ideen (in diesem Fall der harmonischen Proportionen) im Weltbau. Dieser Gedanke hat überlebt und vermag immer wieder neu zu begeistern.


[1] Zoe Wassilko-Serecki: Die Tertiärdirektionen des Herrn E.H. Troinski. Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie, Heft 12, Jänner 196, ÖAG, Wien.

[2] E. H. Troinski: 1001 weltpolitische Horoskope. Baumgartner-Verlag, Nr. 20a, Warpke-Billerbeck 1955.
[3] Hartmut Warm: Die Signatur der Sphären. Keplerstern-Verlag, 2. Auflage April 2004.

Keine Kommentare :