Donnerstag, 4. September 2008

Die sechs Gegensatzpaare

Auf der Suche nach gediegener astrologischer Literatur wurde ich vor dreissig Jahren in der Bonner Universitätsbibliothek in den gesammelte Ausgaben der Zeitschrift "Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie" fündig, deren eifrigster Ausleiher ich bald wurde. Es waren nach dem Matrizenverfahren vervielfältigte Hefte aus den 50er und 60er Jahren, deren Inhalt es in sich hatte. Besonders beeindruckten mich darin die Artikel von Wilhelm Knappich, Wilhelm Kestranek und der Gräfin Wassilko-Serecki.

Es waren Beiträge von Niveau und Tiefe, wie ich sie auf dem Felde der Astrologie bis dahin noch nicht kennengelernt hatte: Wären mir diese Hefte nicht über den Weg gelaufen, hätte ich die Astrologie vermutlich wieder beiseitegelegt. Wilhelm Knappich beeindruckte durch seine breiten Kenntnisse der Astrologiegeschichte, bei denen er doch nie den Blick aufs Wesentliche verlor. Zu den Juwelen der Zeitschrift gehören auch seine Überlegungen zu den astrologischen Aspekten. Wilhelm Kestranek schrieb über die Grossen Konjunktionen und die astrologische Zeitalterlehre. Auch bediente er sich der Astrologie oft zur Untersuchung besonders rätselhafter oder unklarer Fälle wie der Horoskope von Christus, Nostradamus und Kaspar Hauser. Er schrieb jedoch stets überzeugend und nachvollziehbar, wurde nie dogmatisch.

Die Gräfin, eine studierte Astronomin und bereits als Parapsychologin bekannt, firmierte damals als Präsidentin der Österreichischen Astrologischen Gesellschaft (ÖAG). Immer wieder wies sie auf die Logik, Geschlossenheit und Universalität der klassischen Astrologie hin, als ein Denk- und Lehrgebäude, das solide wie ein erratischer Felsblock dasteht und die Zeiten überdauerte.

Eine kleine Blüte aus diesem Lehrgebäude präsentierte sie in einem Vortrag zur 50jährigen Jubiläumstagung der ÖAG im September 1958. Sie beginnt mit einem Zitat aus dem alten chinesischen "Geheimnis der goldenen Blüte" in der Übertragung nach Richard Wilhelm:

Ehe noch die sechs goldenen Gegensatzpaare auseinandergetreten waren, ruhte der Urgeist jenseits der polaren Unterschiede, an die alle Verwirklichung gebunden ist, in sich selbst.

Im Unterschied zu einem nicht astrologisch Vorgebildeten, kann jeder Astrologe diesen Satz ohne Mühe sofort interpretieren: denn er sieht die "sechs goldenen Gegensatzpaare" in den sechs Tierkreiszeichenpaaren Widder-Waage, Stier-Skorpion usw. repräsentiert. Der Satz bedeutet, anders formuliert: Die uns umgebende Welt basiert auf sechs Gegensatzpaaren, die eine notwendige Voraussetzung für alles Existierende darstellen. Alle Wirklichkeit entfaltet sich in dem durch diese sechs Gegensatzpaare gegebenen Rahmen.

Die Astrologie kann uns noch weitergehenden Aufschluss über die Qualität dieser Gegensatzpaare geben und uns somit helfen, die konkrete Bedeutung der in diesem alten Text angesprochenen Gegensatzpaare zu entschlüsseln. Wassilko benennt die aufsteigenden Qualitäten der Paare wie folgt:

  • Entstehung ()

  • Erhaltung ()

  • Verbindung ()

  • Vermehrung ()

  • Herrschaft ()

  • Nutzen ()


Dem stehen die folgenden absteigenden Qualitäten gegenüber:

  • Ausgleich ()

  • Zerstörung ()

  • Entfernung ()

  • Verminderung ()

  • Aufruhr ()

  • Auflösung ()


Wenn man diese Zuordnungen reflektiert, merkt man, dass sie inhaltlich stimmig sind und dass die Zeichen in ihrer natürlichen Reihenfolge wirklich ein universelles Gesetz des Werdens und Vergehens enthalten. Wassilko beschreibt die Sequenz wie folgt:

Wenn etwas entstanden ist, muss man es erhalten, dann in Verbindung setzen mit Gleichartigem, woraus sich Vermehrung ergibt und aus dieser wieder die Herrschaft über das Neuhinzugekommene, und was übrig bleibt, ist der Nutzen aus der gesamten Leistung. Die Gegenzeichen haben nur die Aufgabe, das also Entstandene wieder abzubauen, damit - wie schon der Volksmund sagt - "die Bäume nicht in den Himmel wachsen".

Wir dürfen uns auf die Hundertjahrfeier der Österreichischen Astrologischen Gesellschaft in diesem Monat in Wien freuen. Die Gesellschaft wartet auch heute, fünfzig Jahre später, mit einem interessanten Programm auf.


Zoë Wassilko-Serecki: Astrologie und Weltbild, in: Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie, Nr. 9(1959), S.43 ff.

Keine Kommentare :